Pflegekräfte könnten als Berufsbetreuer mehr als doppelt soviel verdienen.

Vor wenigen Tagen stimmte der Bundestag einem Gesetz zu, dass eine Erhöhung der Vergütung von sogenannten Berufsbetreuern um 17 Prozent vorsieht. Damit kommt ein freiberuflicher Betreuer, der bisher im Schnitt etwa 72.000 Euro Jahreseinkommen hatte, auf rund 88.000 Euro.  Im Vergleich: Eine vollzeitbeschäftigte Altenpflegerin muss mit einem Bruttolohn von 30.000 Euro im Jahr auskommen.

Wer mit „Pflege“ Geld verdienen will, braucht eine staatlich anerkannte Ausbildung mit einem Abschluss.  Wer mit „Betreuung“ seinen Lebensunterhalt sichern will, braucht lediglich ein Gericht, das ihm diese Aufgabe zutraut.

Gemeint ist die rechtliche Betreuung, die sich von sozialer oder pflegericher Betreuung deutlich unterscheidet.  Unterschieden werden muss außerdem zwischen ehrenamtlicher Betreuung, meistens durch einen Angehörigen, und „Berufsbetreuung“  durch eine fremde Person,  die ihren ursprünglich erlernten Beruf aufgegeben hat oder als Nebenerwerb auf freiberuflicher Basis, mehr als 10 Betreuungen führt.  Ehrenamtliche Betreuer erhalten eine Jahrespauschale von nur 399 Euro pro Betreutem. Berufsbetreuer können bisher mit rund 1.800 Euro kalkulieren. Mit 40 Betreuungen, die Berufsbetreuer im Schnitt führen, kommen diese jährlich auf  72.000 Euro.  Da die Anzahl der Betreuungen, die ein Betreuer führt nach oben unbegrenzt ist, gibt es  Berufsbetreuer die auf  weit über 100.000 Euro Jahreseinkünfte kommen, ohne einen einzigen Mitarbeiter angestellt zu haben. Denn auch dazu gibt es keine Vorschriften.   Angestellte und selbstständige Pflegekräfte wagen von solchen Einkünften kaum zu träumen.

Trotz dieser vergleichsweise hohen und nach oben unbegrenzten Verdienstmöglichkeiten wurde die Anhebung der Vergütungspauschale für Berufsbetreuter  im Bundestag beschlossen. Hauptargument dabei war, dass es seit 14 Jahren keine Anpassung der Pauschale gab.   In den vorgesehenen 17 Prozent  wird dabei lediglich ein  Ausgleich für die Teuerungen gesehen. Um eine auskömmliche Altersvorsorge treffen zu können, reiche diese Erhöhung nicht, erklären Betreuervertreter, die noch deutlich mehr gefordert hatten.

An diesem Vorgang  ist zudem folgendes bemerkenswert:    Bei der sog. Berufsbetreuung  handelt es sich nicht, wie die Bezeichnung vorgibt, um einen Beruf, sondern um  ein vom Betreuungsgericht verliehenes  Amt.  Ein  Amt, das Macht über andere verleiht, in dem es keine Transparenz gibt, kaum Vorschriften, wenig Kontrollen und  unbegrenzte   Verdienstmöglichkeiten. Berufsbetreuer  kann jeder erwachsene Bundesbürger werden, der vor Gericht einen  vertrauenserweckenden Eindruck macht, sich als ehrenamtlicher Betreuer bewährt hat und  keine Vorstrafen aufweist.  Eine spezielle Qualifikation ist nicht erforderlich.

Die Bezeichnung „Berufsbetreuer“ ist irritierend,  in einem Land in dem es ansonsten für fast jede Tätigkeit einer abgeschlossenen Ausbildung oder Spezialisierung bedarf.  

Das deutsche Betreuungssystem glänzt nur auf dem Papier. Tatsächlich hat es eine beängstigende Entwicklung genommen. Vor allem altersgebrechliche Bundesbürger*innen sind der Willkür fremder Personen ausgeliefert, denen Gerichte Macht über ihr Leben, ihr Hab und Gut verleihen und dies ohne sicher zu stellen, dass diese Macht nicht missbraucht wird.   Bei der aktuell geführten Diskussion zu weiteren Reformen des Betreuungsrechtes   stehen die „Nöte“ und Interessen der Akteure im Vordergrund. Uns begegnet hingegen die Not der „Betreuungsopfer“ und ihrer Angehörigen.

Die Pflegeethik Initiative sieht an vielen Stelle dringenden Reformbedarf.   Eine bloße Anhebung der pauschalen Betreuervergütung würde lediglich zur Verteuerung führen  und muss darum abgelehnt werden.  Im April 2019 hat der Verein allen 43 Mitgliedern des Bundesausschuss für Recht und Verbraucherschutz, die   Broschüre: Erfahrung mit rechtlicher Betreuung im Pflegebereich als PDF und in gedruckter Ausführung zugesandt. Mit gleicher Post erhielten die  Abgeordneten diese Stellungnahme zum Gesetzentwurf Betreuervergütung.

Parallel dazu forderte Transparency International Deutschland e.V.  wirksame Regeln und Strukturen zum Schutz vor Korruption bei rechtlicher Betreuung.  Einer Anhebung der Betreuervergütung kann nur zugestimmt werden, wenn damit zugleich eine Obergrenze von 30 Betreuuungen pro Betreuer eingeführt wird.

Bezugnehmend auf die genannten Stellungnahmen, wurde ich, Adelheid von Stösser, eingeladen, als Sachverständige an der Anhörung am  6. Mai 2016 im Bundestag teilzunehmen. Die Einladung erfolgte  über das Büro eines AfD Abgeordneten.  Wegen der Kurzfristigkeit und weil die AfD eine Partei ist, deren Ansichten ich in nur wenigen Punkten teilen kann, wollte ich zunächst absagen.  Andererseits ärgerte es mich, dass die Vertreter*innen der etablierten Parteien keine Reaktion auf die oben genannten Eingaben zeigten. Also habe ich den Termin wahrgenommen und die Gelegenheit genutzt, um auf den dringenden Regelungsbedarf  im Betreuungswesen hinzuweisen.  Am Fall des Betreuers aus Trier, der sich trotz eines Jahreseinkommens von rund  180.000 Euro,  nach Belieben an den Konten seiner Betreuten bedienen konnte, bevor das Gericht auf die Klagen von Angehörigen reagiert hatte, habe ich dargelegt, dass auch hohe Vergütungen vor Betrügereien nicht schützen.  Solange es Betreuern derart leicht gemacht wird, sich unbemerkt das  Vermögen ihrer Betreuten anzueignen, muss angenommen werden, dass dies in unbekannt hohem Maße praktiziert wird.    Zu allererst müsste der Gesetzgeber den Gelegenheiten zu Korruption und Betrug einen Riegel vorschieben.  Vor allem altersgebrechliche Menschen sind ihren Betreuern ausgeliefert.

Am 16. Mai 2019 fand die abschließende Lesung im Bundestag statt.  Wie Sie den aufgezeichneten Reden  entnehmen können,  erklärten alle Redner, dass Berufsbetreuer  unterbezahlt sind, gemessen an der doch so wertvollen und wichtigen Arbeit, die sie leistet.  Einzig der Abgeordnete Jens Meier (AfD), nahm Bezug auf die Stellungnahme der Pflegeethik Initiative, die ich vor Ostern allen Mitgliedern des Rechtsausschuss geschickt hatte.  Er stellte zumindest kritisch in den Raum, dass auch Pflegekräfte eine wertvolle und wichtige Arbeit erfüllen, für die sie jedoch deutlich schlechter bezahlt werden.  Eigentlich hätte man solche Hinweise von den Linken und der SPD erwartet.  Der Redner der CDU zeigte demonstrative Entrüstung, angesichts dieses  Vergleichs und erhielt dafür sogar Beifall.  Man könne die Arbeit eines freiberuflichen Betreuers nicht mit der einer Altenpflegerin vergleichen und auch nicht die Einkommen, erklärte der CDU Mann.  Der Freiberufler müsse ja schließlich auch  für seine Altersvorsorge zurücklegen.   Eine Sara Wagenknecht wäre vermutlich an der Stelle aufgesprungen und hätte vorgerechnet, mit welcher Rente Pflegekräfte auskommen müssen.

Nach der hier beschriebenen Erfahrung hätte ich eigentlich am Sonntag die AfD wählen müssen. Denn diese Partei hat unsere Bedenken ernstgenommen  und ist darauf eingegangen, selbst wenn dahinter politisches Kalkül gestanden haben mag.  In anderen Punkten ist sie jedoch für mich nicht wählbar. Allerdings kann ich  seit dieser Erfahrung mit Politik noch besser  verstehen, warum den regierenden Parteien die Wähler abhanden kommen.  Denn die erlebte Ignoranz, mit der unser Anliegen  behandelt wurde, dürfte jedem anderen ebenso widerfahren, der sich inhaltlich einzubringen versucht.  Ein Einmischen in die Angelegenheiten der Politik ist unerwünscht.  Je größer und etablierter die Partei, desto schwerer tut sie sich mit der vielzitierten Bürgerbeteiligung.  Unseren Verein müsste es gar nicht geben, würden sich unsere  Volksvertreter*innen besser um den Schutz von Bürger*innen kümmern, die auf Pflege und Betreuung angewiesen sind.  Stattdessen lassen sie sich vor den Karren derer spannen, die es verstehen, aus der Not der Betroffenen Kapital zu schlagen.

„Zumindest auf Bundesebene fehlt es (der Politik) an diesem „Nah bei de Leut“. Die Menschen dort in Führungspositionen bedienen vielleicht die falschen Klientel.

Das Zitat stammt von Andreas Rath (SPD), Ortsbügermeister von Hillscheid (Westerwald).  Der einzige Ort weit und breit in dem die  SPD bei der Wahl zugelegt hatte und auf 47 Prozent kam.   Die Rheinzeitung wollte von diesem Bürgermeister wissen, wie er sich das Wahlergebnis vom Sonntag erklärt.

Mit Bezug auf Pflege und Betreuung erleben wir genau dieses.  Die Politik bedient die falschen Klientel.  Sie will nicht wissen wie es den Menschen in und an den Pflegebetten wirklich geht. Sie setzt sich nicht für Aufklärung von Sachverhalten ein, sondern glaubt denen die in der Sache den Ton angeben.  Sie spielt aufgezeigte Probleme herunter und verweist darauf, dass doch alles bestens geregelt ist. Wer sich von bestimmten „Volksvertretern“ nicht ernst genommen fühlt, der wählt sie eben nicht mehr.

Auch die  Fridays for Future  Bewegung gibt es nur deshalb, weil die gewählten Volksvertreter die Gefahren und die Sorgen der Bürger nicht ernst nehmen.  Angesichts solch einer Haltung müssen wir uns nicht wundern, wenn  sich auch das soziale Klima wandelt und immer mehr Egomanen hervorbringt, die über andere zu Herrschen versuchen.

Tatsächlich dürfte der soziale Klimawandel, der sich in Europa und um uns herum vollzieht,  die größere Bedrohung für den Lebensraum Erde sein.
Mit dem bisher praktizierten  parteipolitischen Hick Hack  wird man diese Gefahr noch vergrößern.

Wie im Kleinen so im Großen!

Am Beispiel des o.g. Gesetzgebungsverfahrens zur Betreuervergütung lässt sich zeigen, warum die Probleme größer werden und nicht kleiner.  Seit Jahren liegen Berufsbetreuer- und Betreuungsvereine der Politik in den Ohren. Mehrfach schon wurde die Vergütungserhöhung zurückgestellt. Jetzt will die Regierung diese endlich einmal durchziehen.  Im Wesentlichen ist man sich einig, sogar mit der Opposition: „Die Berufsbetreuer sind es der Gesellschaft wert, angemessen vergütet zu werden.“    In diese Einigkeit platzt dann eine Stimme, die auf Punkte hinweist, die in der Diskussion nicht bedacht wurden.  Würde man diese Punkte ernsthaft in Betracht ziehen, müsste das Gesetzesvorhaben erneut zurück gestellt werden.   Dazu ist man nicht bereit.  Also werden die Bedenken beiseite geschoben.  So kommt es, dass demnächst für die gleiche Leistung deutlich mehr Geld aufgebracht werden muss.   Damit wird der bisher schon vergleichsweise gut dotierte  Erwerbszweig  „Berufsbetreuung“ richtig lukrativ und dürfte noch mehr Personen ansprechen, die an erster Stelle das eigene finanzielle Wohlergehen im Blick haben. Auf jeden Fall wird diese Maßnahme zur weiteren Verdrängung der ehrenamtlichen Betreuung führen.  Schon heute ist es so, dass Berufsbetreuer bestrebt sind möglichst viele Betreute zu bekommen und freiwillig keinen abzugeben, auch wenn es Angehörige gibt, die das Amt übernehmen könnten.   Vor allem Betreute mit einem gewissen Vermögen sind sehr beliebt bei Berufsbetreuern. Da das Entdeckungsrisiko gering ist, dürfe es sehr viele Betreuer geben, die ihre Macht und die Gelegenheit zur persönlichen Bereicherung nutzen.  Der Bundestag hat also ein Gesetz beschlossen, dass der  Fehlentwicklung im Betreuungssystem  Vorschub leistet.  Den Abgeordneten muss vorgeworfen werden, dass sie sich einseitig nur die Argumente der Betreuer angehört haben.  Sie glauben den Akteuren und  wollen die Erfahrung Betroffener, denen unser Verein eine Stimme zu geben versucht, nicht einmal zur Kenntnis nehmen.

Im Großen  kann man ähnliches beobachten. Auch bei weltbewegenden Problemen geht es selten darum eine wirkliche  Lösung zu finden.  Vielmehr geht es in der Politik darum, den Meinungsstreit zu gewinnen, die Ziele der eigenen Partei durchzubekommen. Fakten und Sachargumente stören dabei eher.  Jedes Umschwenken, wenn der Sachverhalt in einem anderen Licht erscheint und darum eigentlich eine andere Antwort erfordern würde, wird als „Umfallen“ gewertet.

Angesichts der Pulverfässer auf denen wir sitzen, ist das parteipolitische Tauziehen, wie es einem aktuell in Europa vorgeführt wird,  besorgniserregend.  Anstatt, dass sich jedes Land und jede Partei in den Dienst der gemeinsamen Sache stellt, versucht jeder seine Interessen durchzusetzen.  Wo das enden wird, möchte man sich lieber nicht vorstellen.

Adelheid von Stösser, den  29.05.2019


Handeln statt Wegsehen!
Für eine Pflege und Betreuung wie wir sie uns alle wünschen!   www.pflegeethik.zusammenhandeln.org

3 Kommentare

  1. Sehr geehrte Frau von Stösser,
    mit großer Verwunderung und Empörung haben wir Ihren Artikel „Pflegekräfte könnten als Berufsbetreuer mehr als doppelt so viel verdienen.“ auf pflege-prisma.de wahrgenommen. Er ist versehen mit Falschaussagen, irreführenden Behauptungen, diffamiert die gesamte Berufsgruppe „Betreuung“ und spielt darauf an, zwei wichtige, in ihren Aufgaben allerdings vollkommen unterschiedliche Berufsgruppen gegeneinander auszuspielen. Der Bundesverband der Berufsbetreuer/innen vertritt die Interessen von über 7.000 beruflich tätigen Betreuerinnen und Betreuern. Unsere Mission ist es, unsere Mitglieder darin zu stärken, Menschen mit Betreuungsbedarf professionell zu unterstützen, ein Leben nach eigenen Wünschen und Vorstellungen zu führen – selbstbestimmt und geschützt. Wir sind die kollegiale Heimat unserer Mitglieder und machen Politik für ihre Interessen.
    Richtig wird von Ihnen festgestellt dass sich die rechtliche Betreuung von sozialer oder pflegerischer Betreuung deutlich unterscheidet. Alle genannten Berufsgruppen leisten wertvolle Arbeit am und mit den Menschen. Es ist allerdings nicht nachvollziehbar, warum in Ihrem Beitrag dann Pflege und Betreuung in derartiger Weise gegeneinander ausgespielt werden.
    Dies beginnt bereits mit der nicht plausiblen Gegenüberstellung der vermeintlichen Jahreseinkommen beider Berufsgruppen. Mitarbeitende von Pflegeberufen sind überwiegend im Angestelltenverhältnis tätig, während die Organisationsform rechtlicher Betreuer/innen i.d.R. die Selbständigkeit ist. Es ist unredlich, diese Daten einfach unreflektiert gegenüberzustellen. Während es sich bei den Pflegekräften um Bruttoeinkommen handelt, sind es bei selbständigen Berufsbetreuer/innen Umsätze, aus denen zunächst einmal die gesamte Betriebsinfrastruktur zu finanzieren ist, aus dem verbleibenden Betrag zu 100 % die Sozialversicherung und der Rest dann noch zu versteuern ist.Der von Ihnen suggerierte Vergleich ist ein solcher zwischen „Äpfeln und Birnen.“
    Es ist überdies nicht ersichtlich, wie Sie auf die Summe eines vermeintlichen Jahreserlöses von durchschnittlich 72.000 € kommen. Das durch das Institut für Sozialforschung und Gesellschaftspolitik (ISG) durchgeführte rechtstatsächliche Forschungsvorhaben bzgl. „Qualität in der rechtlichen Betreuung“ beziffert Vergütungseinnahmen durchschnittlich in Höhe von 64.617 €, wobei es sich hierbei zunächst um den Umsatz handelt.
    Die durchschnittlichen Betriebsausgaben belaufen sich nach dieser Studie auf 24.173 €, woraus sich ein Rohertrag vor Steuern von ca. 40.444 € jährlich ergibt (vgl. ISG-Studie, S.524). Ihre Angaben zu den „unbegrenzten“ Verdienstmöglichkeiten für den „gut dotierten Erwerbszweig Berufsbetreuung“ sind daher völlig überzogen. Uns erreichen vollkommen gegenteilige Rückmeldungen: Immer mehr Betreuer/innen geben ihren Beruf aus fiskalischen Gründen auf, weil sich der Beruf nicht mehr rechnet. Dazu sei noch einmal die ISG-Studie zitiert: Unter den damaligen Parametern wurde in dieser festgestellt, dass der Arbeitnehmerbruttoverdienst eines Sozialpädagogen um 25% höher ist, als das ermittelte Einkommen eines selbstständigen Berufsbetreuers (vgl. ISG-Studie, S. 533). Im Verhältnis der verglichenen Gruppe des öffentlichen Dienstes (Vergleichsgruppe Sozialpädagogen, Vergütungsgruppe S12, mit 49.391 Euro in 2015) liegt der Jahres-Rohertrag von Berufsbetreuer/innen mit 40.444 Euro deutlich darunter.
    Ihre vorgeschlagene Fallzahlbegrenzung schafft im Übrigen keinerlei Qualitätsfortschritte. Das beginnt bereits bei Ihrer – nach unserem Eindruck völlig willkürlich gegriffenen – Wahl der Obergrenze von 30 Klient/innen, bedenkt man die Diversität von Betriebsformen in der rechtlichen Betreuung. Ganz überwiegend arbeiten Berufsbetreuer/innen selbständig, allerdings ist das jeweilige Setting höchst unterschiedlich (alleine, Bürogemeinschaften, mit oder ohne Angestellten oder Hilfskräften). Dazu kommen noch Betreuungsvereine, die wiederum eigene Besonderheiten mit sich bringen. Alleine aus diesem Standpunkt heraus ist die Festlegung von starren Zahlen nicht sachgerecht.
    Im Übrigen haben sich im Rahmen der genannten ISG-Studie keinerlei Qualitätsunterschiede feststellen lassen, weder bezüglich der Kontakthäufigkeit noch bezüglich weiterer Kriterien, die sich in einfacher Weise an der Anzahl der Betreuungen festmachen lassen (vgl. ISG-Studie zu Qualität, S. 569 ff.). Dieselbe Studie stellt fest, dass Betreuer/innen mit Angestellten mit höheren Fallzahlen eine bessere Strukturqualität aufweisen (vgl. ebd.).
    Natürlich ist eine bloße Anhebung der pauschalen Betreuervergütung nicht das Ende einer Entwicklung zur Verbesserung der Qualität in der rechtlichen Betreuung. Der BdB unterstützt daher den vom BMJV initiierten Qualitätsdiskussionsprozess. Gute materielle Rahmenbedingungen sind allerdings wesentliche Voraussetzung für eine ernsthafte Qualitätsentwicklung. Es ist Tatsache, dass Betreuer/innen im Vergleich dürftig verdienen und der reale Zeitaufwand in der Betreuung nicht vergütet wird. Es ist auch Realität, dass Berufsbetreuer/innen aus der Not heraus vielfach den selbstausbeuterischen Weg wählen. Durchschnittlich arbeiten rechtliche Betreuer/innen pro Fall zu etwa einem Viertel unentgeltlich (vgl. ISG-Studie, S. 549).
    Das kürzlich beschlossene Gesetz zur Anpassung der Betreuer- und Vormündervergütung verändert diese Realität nur geringfügig: Ist dem Gesetz einerseits anzuerkennen, dass es weiteren Flurschaden in der Berufsbetreuung zumindest abbremst, wird es andererseits noch immer nicht den wichtigen Aufgaben rechtlicher Betreuung gerecht. Hinzu wirkt es von seiner Struktur her weder konsequent qualitäts- noch professionalisierungsfördernd. Ohne eine leistungsgerechteVergütung ist allerdings keine ernsthafte Qualitätsdiskussion zu gestalten.
    Es gibt überdies zahlreiche Problemfelder in der rechtlichen Betreuung, die unmittelbar Auswirkungen auf die Qualität haben: Es existieren wenig verpflichtende Qualitätskriterien, keine anerkannten Verfahren und auch keine fachlichen Aufsichtsmechanismen, die sicherstellen würden, dass die Arbeitsprozesse im Rahmen der Betreuung die hohen Ansprüche einer rechtlichen Betreuung erfüllen. Die Realität ist, dass die berufliche Betreuung nicht als Beruf anerkannt ist, Zulassungsregelungen und Eignungskriterien sind – wenn überhaupt – uneinheitlich und intransparent geregelt.
    Gleichzeitig arbeitet rechtliche Betreuung nicht im „luftleeren Raum“, was man angesichts Ihres Artikels vermuten könnte. Zahlreiche gesetzliche Vorschriften schaffen zumindest ein gewisses Netz an inhaltlicher Ausrichtung und Aufsicht. Auch wenn der BdB das gegenwärtige Betreuungsrecht für kritikwürdig und reformbedürftig hält, erwecken Ihre Aussagen den Anschein, als gäbe es immer noch das alte Vormundschaftsrecht. Weder reicht ausschließlich ein „vertrauenserweckenden Eindruck“, um beruflich Betreuungen führen zu dürfen, noch sind Klient/innen grundsätzlich der „Willkür“ einer Betreuung ausgeliefert. Wie bereits beschrieben: Das Betreuungsrecht braucht eine Reform, doch wir sind trotzdem weit von den Entmündigungspraktiken vor 1992 entfernt! Ein großes Problem stellt demnach nicht unbedingt immer der Mangel an betreuungsrechtlichen Regelungen und Schutzmechanismen dar, sondern die z.T. unbefriedigende Umsetzung durch die Gerichte und Behörden. Das ist letztlich das Ergebnis einer jahrzehntelangen chronischen Unterfinanzierung von Seiten der Länder dar.
    Der BdB streitet für eine ernsthafte Qualitäts- und Professionalisierungsentwicklung in der rechtlichen Betreuung. Denn die Anforderungen an rechtliche Betreuung sind hoch. Darum muss Betreuung als Beruf anerkannt werden, um Menschen in Not die Gewährleistung bieten zu können, eine für ihre individuellen Belange fachkundige Betreuung an die Seite gestellt zu bekommen. Professionalität schafft nach Meinung des BdB dabei die Voraussetzung, Qualität verbindlich zu definieren und Verfahren und Standards zu etablieren. Der BdB spricht sich dabei deutlich für einheitliche, gesetzlich geregelte Eignungskriterien und für ein einheitliches Zulassungsverfahren aus. Die hohe Verantwortung der Betreuer/innen muss mit einem entsprechend hohen Qualifikationsniveau korrelieren. Ein betreuungsspezifisches Ausbildungsprofil – im weiteren Schritt: eine eigenständige betreuungsspezifische Ausbildung – muss als Eingangsvoraussetzung festgelegt werden, um Qualität zu gewährleisten. Gleichzeitig bedarf es einer auf Fachlichkeit basierende Qualitätssicherung, die mehr als nur formale Kriterien abfragt. Eine qualifizierte Aufgabenwahrnehmung kann dabei im Einzelnen weder vom Gesetzgeber definiert, noch von staatlichen Instanzen entwickelt und beaufsichtigt werden. Die Betreuungsgerichte sind unverzichtbare Aufsichtsinstanzen des Rechtsstaates in Bezug auf die Verhältnismäßigkeit von Grundrechtseingriffen. Eine fachliche Aufsicht der Berufsausübung können sie allerdings nicht leisten, das ist weder ihre Aufgabe, noch verfügen sie über die erforderlichen Fachkenntnisse. Zur Sicherstellung von Qualität und professionellem Handeln verfolgt der BdB e.V. als strukturellen Lösungsansatz daher die Gründung einer Bundeskammer für Berufsbetreuer/innen. Qualität als solche kann keiner rechtlichen Kontrolle unterliegen. Das Recht kann nur bewerten, ob Vorschriften eingehalten wurden.
    Als Weiteres erwecken Sie mit Ihrem Beitrag den Eindruck, als würden Korruption und Betrug in der rechtlichen Betreuung die Regel sein. Das ist eine pauschale Behauptung ohne jeden realen Bezug und der BdB widerspricht dem entschieden. Natürlich gibt es wie in anderen Berufen aucheinzelne Negativbeispiele, wenn auch in den öffentlich bekannt gewordenen Fällen oft Vorsorgevollmachten, ehrenamtliche und beruflich geführte Betreuungen vermischt, verwechselt oder falsch dargestellt werden.
    Eine aktuelle Studie der Deutschen Hochschule der Polizei („Vermögensdelikte in Betreuungsverhältnissen“) kann bspw. keine Aussagen zur Häufigkeit von Vermögensdelikten in Betreuungsverhältnissen treffen. Mit anderen Worten: Es gibt keine uns bekannten Studien, die belegen, welches Ausmaß dieses Problem hat. Darum sind Ihre Ausführungen, dass „es sehr viele Betreuer geben [dürfte], die ihre Macht und die Gelegenheit zur persönlichen Bereicherung nutzen“ irreführend, reißerisch, vorurteilsbehaft und verleumden die überwiegend engagiert und korrekt handelnden Berufsbetreuer/innen. Es käme auch niemand auf die Idee, die bekannt gewordenen Fälle von Kriminalität in der Pflege allen Tägigen der Pflegebranchen anlasten zu wollen.
    Sie erwecken mit Ihrem Artikel überdies den Eindruck, Berufsbetreuer/innen würden ihre Klient/innen nicht an ehrenamtlich tätigen Betreuer/innen abgeben wollen. Unsere Erfahrungen zeugen vom Gegenteil: Es sind trotz intensiver Bemühungen vom Gesetzgeber immer weniger Menschen bereit, ehrenamtliche Betreuungen zu führen, und u.a. aus diesem Grund wächst der Anteil der beruflich geführten Betreuungen. Eine Umkehr dieser Entwicklung ist nicht absehbar. Das Ehrenamt bleibt ein unverzichtbares Element rechtlicher Betreuung und ist konsequent und nachhaltig zu fördern, sie kann aber nicht mehr als Selbstverständlichkeit angesehen werden.
    Im Übrigen sieht das Gesetz zur Anpassung der Betreuer- und Vormündervergütung eine Prämie für Berufsbetreuer/innen vor, die ihre Betreuung an eine ehrenamtliche Betreuung übergeben. Unseren Erfahrungen nach finden sich in den meisten Fällen jedoch keine geeigneten ehrenamtlichen Betreuer/innen.
    Betreuer/innen schützten die Menschenwürde in Situationen großer Verletzlichkeit, organisieren, planen und koordinieren komplexe Unterstützungsprozesse und müssen in Situationen großer Not sensible Entscheidungen über Eingriffe in die Freiheitsrechte herbeiführen. Sie garantieren durch eine persönliche Form der Unterstützung die Selbstbestimmung von Menschen, die ihre Angelegenheiten nicht selbst besorgen können. Diese wichtige Arbeit auf solch fadenscheinige und überwiegend falsche Weise zu diffamieren entsetzt uns sehr und zeugt von einem vollkommen falschen Bild über Betreuung. Auch sind Ihre vielfachen Vergleiche zwischen den Berufsgruppen vollkommen unangebracht. Bedauerlicherweise argumentieren Sie in Ihrem Artikel mit denselben Mitteln wie jene Partei, deren Einladung Sie gefolgt sind: mit Spaltung. Beide Branchen, Pflege und Betreuung, erfüllen wichtige Aufgaben für den gesellschaftlichen und sozialen Frieden. Sie sollten angemessen entlohnt und mit guten Rahmenbedingungen ausgestattet werden, um den Klient/innen ein menschenwürdiges Leben ermöglichen zu können. Sie polarisierend gegeneinander auszuspielen führt jedoch zu nichts.
    Wir werden dieses Schreiben unsererseits veröffentlichen, allein schon aus dem Grunde, Ihre Äußerungen nicht unwidersprochen zu lassen und unseren Mitgliedern die Sicherheit zu geben, solchen Anschuldigungen wie den Ihrigen nicht wehrlos ausgeliefert zu sein.

    Mit freundlichen Grüßen

    Dr. Harald Freter
    BdB-Geschäftsführer

    • Sehr geehrter Herr Dr. Freter

      Es freut mich, dass unsere seit langem geübte Kritik am Betreuungssystem nun erstmals auch vom Bundesverband der Berufsbetreuer wahrgenommen wird. Mir ist klar, dass ihr Verband die Betreuung aus einem anderen Blick sieht. Mir ist auch bekannt, dass sich Ihr Verband für Qualitätsstandards in der Branche einsetzt. Solange es diese jedoch nicht gibt und jeder Betreuer nach persönlichem Gusto Schalten und Walten darf, kann gar nicht genug Kritik geübt werden.

      Hintergrundinformationen zu den vom BdB kritisierten Angaben finden Sie in den Stellungnahmen (siehe Links) im Beitrag. Darüber hinaus verweise ich auf unsere Broschüre, in der Anspruch und Wirklichkeit rechtlicher Betreuung gegenüber gestellt werden. Dabei wird auch Bezug zu der im o.s. Kommentar mehrfach erwähnten Studie genommen.
      Für einen weiteren Austausch auch im persönlichen Gespräch stehe ich gerne zur Verfügung.

      Adelheid von Stösser
      Vorsitzende und ehrenamtliche Geschäftsführerin
      Pflegeethik Initiative Deutschland e.V.

  2. Die Entrüstung des CDU-Abgeordneten zeigt klar auf, für wie minderwertig man die Arbeit von Altenpflegekräften wohl hält! Ich würde diesen Menschen dazu verplichten min. 1 Monat im Altenheim zu arbeiten um zu sehen, welche Arbeit dort wirklich geleistet wird! Es besteht nicht aus Waschen und Essenanreichen! Da hängt vieles mehr dran!!! Ich halte die Reaktion des CDU Abgeordneten für absolut inakzeptabel! Zeigt aber auch klar, wie inkompetent die Politik in Punkt Altenpflegekräfte ist und warum wir einen so großen Fachkräftemangel in der Branche haben !!!!

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