Der Pflegenotstand: Resultat kurzsichtiger Politik

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Stolz präsentiert der Bundesgesundheitsminister das gerade beschlossene Maßnahmenpaket gegen den Personalnotstand  in der Pflege.  Wir sehen darin bestenfalls einen ‚Tropfen auf den heißen Stein‘.  Politischer Akionismus  verstärkt das Problem, vergleichbar einer sich ausbreitenden Wunde, auf die lediglich weitere  Pflaster geklebt werden.  Tatsächlich wird die Lage immer unübersichtlicher und verfahrener.

Angesichts der  Fülle an Gesetzen, Regelungen, Leistungsformen, Zuständigkeiten und Akteuren im deutschen Gesundheits- und Pflegesystem,  dürfte es aktuell niemanden geben, der hier noch den Durchblick hat.  In jedem der 16 Bundesländer gelten eigene Bestimmungen. Bei jeder der 110 gesetzlichen und 45 privaten Krankenkassen ebenfalls.  Im Krankheitsfalle gilt das SGB V, im  Behinderungsfalle das SGB IX  und im Pflegefalle das SGB XI.  Wer das Pech hat, sowohl krank als auch behindert und pflegebedürftig zu sein, sieht sich oft hin- und hergeschoben, zwischen (Nicht) Zuständigkeiten.  Auf Pflegebedürftige trifft dies in besonderer Weise zu.  Denn es sind in der Regel Krankheitsverläufe, die eine Behinderung hervorbringen, die mit Pflegebedarf einhergeht.  Wer nach dem Rentenalter eine Behinderung erleidet, dem werden Leistungen nach SGB IX  oft vorenthalten, der wird als Pflegefall eingestuft und erhält,  je nach dem Grad seiner Behinderung/Bedürftigkeit, nur  Leistungen von der Pflegekasse.  Das deutsche Pflegesystem ist nicht zuletzt deshalb so verstrickt und verwoben, weil das Räderwerk nicht aufeinander abgestimmt wurde.  Vieles läuft gegeneinander, manches vollständig aus dem Ruder. Einigen  wird, für die gleiche erforderliche Pflege, 20.000 Euro/monatlich von der Krankenkasse bewilligt, anderen hingegen nur  2.005 Euro (Grad 5) von der Pflegekasse, siehe Beitrag: Ungleichbehandlung von Wachkomapatienten.
Die Kosten für eine Pflege im Heim werden bei Bedarf vollständig übernommen.  Die Kosten für eine Pflege zu Hause hingegen nur bei Intensivpflegebedürftigkeit.

Im Ergebnis wird immer mehr Geld in ein System gesteckt, das den Pflegemarkt fördert und den Pflegenotstand verschärft.

Pflegenotstand als Folge falscher Weichenstellung

Als 1995 die Pflegeversicherung (SGB XI) eingeführt wurde, geschah dies mit Blick auf eine wachsende Zahl von Pflegebedürftigen, die nicht durch Angehörige zu Hause gepflegt werden können, sondern ins Heim müssen. Da nur wenige die Heimkosten, die damals um die 2.500 DM betrugen, aus eigener Tasche zahlen konnten, musste  die Sozialkasse der Kommune häufig einspringen. Vor diesem Hintergrund erscheint die Ausrichtung der Pflegeversicherung zunächst verständlich. Es ging darum, die Sozialkassen zu entlastet und nicht die Angehörigen.  Bald schon stellte sich heraus, dass die Hauptgruppe der Pflegebetroffenen benachteiligt war. Denn die Leistungen beziehen sich einseitig auf den Körper, ungeachtet dessen, dass in den überwiegenden Fällen kognitive Einschränkungen, Altersvergesslichkeit, Einsamkeit und andere psycho-soziale Gründe in die Pflegebedürftigkeit führen.  Mehrfach sah sich die Bundesregierung gezwungen, Nachbesserungen am Regelwerk einzuführen.  Ein  Pflegestärkungsgesetz  folgt auf das nächste, jedoch an die Ursache reicht keines heran.   Statt einer grundlegenden Kurskorrektur und wirklichen Reform, wird immer mehr Geld in ein verfahrene System gesteckt. 

Betroffenen Bundesbürger*innen, deren Pflege nicht durch Angehörige gewährleistet werden kann und die sich keine „Polin“ leisten können, bleibt nur das Heim.  Vor allem betrifft dies alte Menschen, die wegen demenzieller Veränderungen auf eine Hilfe angewiesen sind, die von ambulanten Pflegediensten nicht erbracht werden kann.  Denn die mit den Kassen abrechenbare „häusliche Pflege“ wird als Sachleistung definiert, die nur körperbezogene Maßnahmen berücksichtigt, ungeachtet des individuellen Zeitbedarfs.  Man beachte:  Von den derzeit rund 2,9 Millionen Bundesbürgern die Leistungen der Pflegekasse beziehen, haben rund 1, 7 Millionen ( 58 Prozent) eine Demenzdiagnose.  Demenzielle Veränderungen sind die Hauptursache für Pflegebedürftigkeit.  Sie stellen die größte Herausforderung dar, für Angehörige wie Pflegekräfte, Krankenhäuser und Heime.  Diesen Betroffenen wird unser Pflegesystem jedoch am allerwenigsten gerecht. Anstatt für die notwendige  menschliche Unterstützung zu sorgen, werden verwirrte alte Menschen  medikamentös in Zwangsjacken gesteckt, oft zusätzlich sogar noch fixiert, weil menschliche Begleitung zu teuer erscheint.    Die fürcherlichen Bilder von Menschen in den Endphasen der Demenz, sind das Ergebnis dieser Behandlung und falschen Ausrichtung der  Pflege.   Täglich werden hunderttausende, altersschwache, verwirrte Menschen in einer Weise behandelt, die niemand für sich selbst akzepieren könnte.  Tägliche werden  Würde und Rechte schutzbefohlener  Bundesbürger*innen  verletzt, ohne das sich Gerichte darum kümmern.

„Man kann davon ausgehen, dass das wohl die intensivsten und quantitativ bedeutendsten Menschenrechtsverletzungen gegenwärtig in Deutschland sind.“  Prof. Alexander Graser, Rechtswissenschaftler

Entgegen  §3 SGB XI „Vorrang der häuslichen Pflege“, wurden Regelungen eingeführt, die die Heimpflege fördern. Bei Pflege im Heim übernimmt die Sozialkasse den Betrag, den Bewohner selbst nicht aufbringen können.  Da die Hilfsangebote der häuslichen Pflege unzureichend sind oder vom Betroffenen aus eigenen Mitteln nicht bezahlt werden können, bleibt am Ende oft keine andere Wahl, als das Pflegeheim. Seit Einführung der Pflegeversicherung sprießen Heime wie Pilze aus dem Boden. Investitionen in eine deutsche Pflegeimmobilie gelten als besonders sicher und lukrativ. Denn auf der einen  Seite garantiert das unzureichende häusliche Hilfeangebot einen weiterhin  steigenden Bedarf an Pflegeplätzen und auf der anderen Seite wird die Kostenübernahme bei Heimpflege garantiert.

Nirgendwo sonst auf der Welt ist das Risiko größer, sein Lebensende in einem Pflegeheim verbringen zu müssen, als in Deutschland.

Als 1995 die Pflegeversicherung in Deutschland eingeführt wurde kostete der Heimplatz rund 2.500 DM. Heute sind durchschnittlich 3.500 Euro monatlich zu zahlen. Davon entfallen, nach Abzug der Versicherungsleistung,  im Schnitt 1.700 Euro/Monat auf den Bewohner.  Beachtenswert  sind dabei die  Unterschiede je nach Bundesland.    Nur noch knapp die Hälfte der Bewohner kann diesen Betrag aus Rente und Vermögen selbst aufbringen. Mit Sorge blicken viele Kommunen auf die wachsende Zahl  von Altersarmut betroffener Bürger*innen, mit geringen Renten und fehlenden Rücklagen, für die die Sozialkasse einen immer größeren  Teil der Heimkosten übernehmen muss.  Außerdem ist mit einem weiteren Anstieg der Heimplatzkosten zu rechnen,  etwa durch bessere Personalschlüssel und Gehälter der Pflegenden.  Bereits heute kann die Pflegeversicherung ihrem ursprünglichen Zweck, die Sozialkassen der Kommunen zu entlasten, nicht mehr gerecht werden.  Mehrfach schon wurde der Pflichtbeitrag für die Pflegeversicherung angehoben, so zuletzt vor wenigen Monaten durch den amtierenden Gesundheitsminister Spahn.

Tatsächlich wird immer mehr Geld in ein fehlgeleitetes System gesteckt, das vor allem denen nützt, die daran verdienen, dass der Pflegebedarf wächst.

Wie inzwischen allgemein erkannt, fehlen gut 30.000 Fachkräfte alleine in der Altenpflege.  Immer weniger Pflegekräfte müssen sich um  immer mehr Bedürftige kümmern.  Viele steigen bereits während der Ausbildung aus, weil sie ihre Vorstellungen von einer menschenwürdigen Pflege mit der erlebten Abfertigungspraxis nicht vereinbaren können.  Andere gehen in Teilzeit und verzichten lieber  auf ein volles Gehalt, als sich „in dieser Tretmühle kaputt machen zu lassen“.
Eigentlich gäbe es genügend deutsche Pflegekräfte, würden jene, die frühzeitig aus dem Beruf aussteigen oder in Teilzeit gehen, zurückgewonnen werden können.  Der Pflegebeauftragte der Bundesregierung, will diese nun über Prämienzahlungen  oder besser gesagt Kopfgeld zurückgewinnen.    Der Gesundheitsminister streckt hingegen seine Fühler nach Vietnam und andere Länder aus, in denen  Pflegekräfte zumeist schlechter bezahlt werden als in Deutschland. Auch Einwanderer und Flüchtlinge will man verstärkt in unseren Pflegeeinrichtungen einsetzen.

Unter den aktuellen Arbeitsbedingungen  kommen das geplante Kopfgeld für Pflegekräfte einem  Schmerzensgeld gleich.

Während einerseits Heimbetreiber beklagen, dass derzeit kaum Pflegekräfte zu finden sind und Personalstellen oft nicht besetzt werden können, versprechen sie andererseits eine Pflege, die keine Wünsche offen lässt.  Denn Heimbetreiber werden hierzulande nicht daran gemessen, ob sie halten was sie versprechen.  Sie bekommen sogar dann noch Bestnoten, wenn es in der Praxis nicht einmal für „satt und sauber“ reicht.  Am Essen wird gespart. Die in Heimen kalkulierten Verpflegungskosten  liegen meist unter 4  Euro/Tag – All-inclusive.    An der  Inkontinenzversorgung wird ebenfalls gespart. Angefangen bei den Kassen, die für  saugende Inkontinenzprodukte nur noch zwischen 15 und 35 Euro/Monat zahlen und dies auch zum Teil nur,  für die minderwertigen Produkte eines bestimmten Anbieters (sog. Kassenwindel).  Praxisbewährte Produkte kosten jedoch um die 70 Euro/Monat.  Also wird auch  seitens der Krankenkassen in Kauf genommen, dass Pflegebedürftige im Nassen sitzen oder liegen, einschließlich der Folgeschäden.  Vor allem jedoch wird am Personal gespart.

  Heimbetreiber sind daran zu messen, ob sie halten was sie versprechen!

Pflegenotstand als Folge fehlender Nutzenbewertung

Unser Gesundheits- und Pflegesystem hat Leistungen und Kosten im Blick, ungeachtet dessen ob diese nutzen oder nicht. Schlimmer noch: Die Kassen tragen sogar die vollen Behandlungskosten, wenn der Patient erwiesenermaßen durch die Behandlung geschädigt wurde oder daran verstorben ist.  Das Risiko trägt einzig der Patient.  So muss man sich nicht wundern, wenn hinter der Indikation zu einer Operation häufig wirtschaftliche Gründe stehen.  Berichte über unnötige Operationen, die aus  zuvor mobilen Menschen schmerzgeplagte Pflegefälle machen, mehren sich.  Bekannt sind ebenfalls die Gefahren und Schäden durch die Polypharmazie. Es wird geschätzt, dass deutschlandweit jährlich mehr als 300.000 Menschen durch falsche, falsch dosierte oder schädliche Nebenwirkungen/Wechselwirkungen der ihnen verordneten Medikamente geschädigt werden oder versterben.  Ein Großteil der Pflegekarrieren dürfte sich auf diesen Zusammenhang zurückführen lassen.  Darum sehen wir hier einen Hauptansatzpunkt für Prävention. Bisher wir es einfach hingenommen und aufs Alter oder medizinische Diagnosen geschoben, dass ein gewisser Prozentsatz alter Menschen pflegebedürftig wird.  Als handele es sich um ein Naturgesetz wird postuliert, dass die Zahl der Pflegebedürftigen prozentual in der bisher erlebten Form steigt.  In 2030 rechnet man bereits mit 4 Millionen.  Und die Politik schiebt das Problem vor sich her und klebt weiterhin lediglich Pflaster auf die Wunde.

In Deutschland wird NICHTS getan, um Pflegebedürftigkeit zu verhindern oder zu mindern.  Vielmehr fördert unser System Pflegebedürftigkeit in hohem Maße. Würde hier präventiv  angesetzt, könnte sich die Lage rasch entspannen.

Pflegenotstand als Folge eines Preiswettbewerbs

Tatsächlich sind es vor allem die Heimbetreiber selbst, die sich darum bemühen,  möglichst wenig Personal vorhalten zu müssen.  Wer das nicht glauben mag, schaue sich die Reaktionen auf unsere 2014 gestartete Kampagne   Nachtdienst-Soforthilfe  an.  Nicht nur das Bayerische Rote Kreuz und die Diakonie, als Betreiber zahlreicher Heime, verwehrten sich gegen die daraufhin erfolgte  Mindestpersonalverordnung durch die Landesregierung, bis heute werden Argumente gesucht, diese Vorschrift zu umgehen, oder es wird Personal aus dem Tagdienst abgezogen.   In Baden Württemberg wollte die Regierung zunächst dem Beispiel Bayerns folgen, beugte sich letztlich jedoch der Macht der Heimbetreiber, die nur unter Vorbehalt einem Schlüssel von 1:45 zustimmten.  Bremen konnte in diesem Jahr immerhin einen Nachtdienstschlüssel von 1:40 durchsetzen.

In der Zeit  bis etwa 2012, als sich fast auf jede Anzeige mehrere Bewerber meldeten,  sind Heimbetreiber in einen Kostenwettbewerb  getreten.  Denn je weniger Personal, desto geringer der Pflegesatz.  Wenn Heim A den Pflegeplatz für 300 Euro günstiger im Monat anbietet, sehen sich die Konkurrenzheime genötigt auch günstiger zu werden, um eine gute Belegung erreichen zu können.  Da Kassen und Kommunen, die am Verhandlungstisch sitzen, ebenfalls bemüht sind, die Heimkosten so gering wie möglich zu halten, unterstützen diese  jeden Heimbetreiber, der vorgibt mit weniger Personal als andere auszukommen.  Versuchen  Heime hingegen einen höhere Schlüssel zu verhandeln, müssen sie begründen, weshalb sie für die gleiche Arbeit mehr Personal brauchen.   Darüber hinaus haben sich namhafte Unternehmesberater darauf spezialisiert, Heimbetreiber in Sachen Personal- und Kostenoptimierung  zu beraten.  Diese schauen sich den Pflegebetrieb an, um auszuloten wo, bei der ohnehin viel zu eng gestrickte Personaldecke, noch  Personalstellen abgebaut werden können.   So kommt es, dass die seit Einführung der Pflegeversicherung  unverändert gültigen Personalschlüssel  sogar häufig unterlaufen werden.   Wurden 1995  beispielsweise  5 Pflegekräfte für 30 Bewohner im Frühdienst eingeplant, müssen heute 3 Pflegende schauen, wie sie die Arbeit schaffen.  Fällt jemand wegen Krankheit kurzfristig aus, wird es kriminell. Auf den Dienstplan können sich Mitarbeiter in der Altenpflege selten verlassen.  Selbst Teilzeitkräfte häufen regelmäßig Überstunden an. An Freizeitausgleich gar nicht zu denken.  Oftmals müssen sie sogar hinterherlaufen, damit die Überstunden bezahlt werden.  Erleben überlastete Pflegekräfte außerdem, dass der Heimträger  hauptsächlich an der Vermehrung seines Vermögen interessiert ist,  fühlen sie sich erst recht ausgenutzt.

Wir dürfen nicht zulassen, dass die Not anderer ausgenutzt wird, um Gewinne daraus zu ziehen!

Uns sind auch Heime bekannt, die bewusst einen anderen Weg gehen, die überdurchschnittlich viel Personal  haben, die Mitarbeiter  fürsorglich behandeln und sich alles Mögliche einfallen lassen, um ihren Bewohnern gerecht werden zu können.   Man kann  ein menschlich gut geführtes Heim schon alleine an den Dienstplänen erkennen.  Seltene Dienstplanänderungen, keine/wenig Überstunden, wenig Krankmeldungen und geringe Fluktuatio, sprechen für ein gutes Arbeitsklima.  In den anderen Heimen sind Pflegedienstleitungen hauptsächlich damit beschäftigt, die Lücken in den viel zu eng kalkulierten Dienstplänen zu stopfen – nicht zuletzt durch Zeitarbeitskräfte.   Wir raten Pflegemitarbeitern,  die sich  immer wieder bedrängt sehen, einzuspringen, weil sie ja Patienten/Bewohner und Kollegen nicht im Stich lassen können, die Pflegedienst- und Hausleitung mit dem Mangel zu konfrontiere und mit Nachdruck Abhilfe einzufordern.  Schließlich geht es um die Sicherheit der Pflegebedürftigen. Wo diese gefährdet ist, müsste sich jede Pflegekraft verpflichtet sehen, nicht nur die eigene Überlastung anzuzeigen, sondern die Gefahren für die Betroffenen darzulegen.   Erfolgt  daraufhin keine Besserung, rate wir zur Anzeige.  Da derzeit überall Pflegekräfte gesucht werden,  droht anschließend keine Arbeitslosigkeit.   Pflegekräfte sollten den Personalnotstand als Chance nutzen,  angemessene Arbeitsbedingungen einzufordern.  Leider wird dies nur ganz selten getan.  Würde es mehr Pflegekräfte geben, die wie die oben erwähnten Nachtwachen im DRK-Heim, konsequent reagieren, würden Heime  nicht wie bisher verfahren können. Gleiches gilt für die Personalbesetzung in Kliniken und Krankenhäuser.

Die  Personalschraube konnte nur deshalb immer weiter nach unten geschraubt werden, weil die Pflegenden es mitgemacht haben.

Der nachfolgender Appell stammt von einem engagierten Altenpfleger,  der den Dauernotstand in der Pflege  aktuell aus der Sicht als  Vorsitzender des Gesamtbetriebsrats eines deutschen Wohlfahrtsverbandes, erlebt.

Appell an die Berufskollegen in der Altenpflege 

Ein großer Teil unserer Probleme ist hausgemacht und wir Pflegenden haben es selbst in der Hand eine Wende in der Pflege herbeizuführen.
An erster Stelle appelliere ich an alle Pflegekräfte, nur das zu dokumentieren, was auch wirklich geleistet wurde und das anzuzeigen, was nicht geleistet werden konnte. Wenn ihr aufgrund  personeller Unterbesetzung die sichere und ausreichende Versorgung der Pflegebedürftigen nicht gewährleisten könnt, solltet ihr es als eure Pflicht sehen, die Heim- und Pflegedienstleitung aufzufordern, für genügend Personal zu sorgen.  Lasst euch nicht mit Ausreden abspeisen oder  mit  den Kollegen vergleichen, die kein Problem damit haben,  die unserer Fürsorge anvertrauten,  gebrechlichen, alten, kranken und strebenden Menschen abzufertigen.

Legt schriftlich dar (Überlastungsanzeige), welche Aufgaben  unter den Bedingungen nicht erfüllen werden können.  Damit gebt ihr einen Teil der Verantwortung an die  Einrichtungsleitung ab.

Denken wir einmal darüber nach, wie wir selbst im Alter versorgt/behandelt werden wollen und genau mit dieser Einstellung müssen wir täglich unseren pflegebedürftigen Mitmenschen begegnen. Die Ausreden „ich habe keine Zeit“ oder „wir sind unterbesetzt“ lasse ich nicht mehr gelten. Ist die Personalsituation wirklich so angespannt, so erwarte ich von jeder Pflegekraft, dass sie dies beim Arbeitgeber anzeigt und deutlich macht, dass es so nicht mehr weitergeht. Ignoriert der Arbeitgeber diese Anzeige, wendet  euch unverzüglich an die zuständige Aufsichtsbehörde (FQA, Heimaufsicht  etc.). Und bitte, liebe Pflegekräfte, zieht Euch nicht den Schuh des „Nestbeschmutzers“ an. Das seid ihr nicht, ganz im Gegenteil, es ist sogar Eure Pflicht, „Missstände“ anzuzeigen. Ich kann auch die Pflegekräfte nicht verstehen, die Angst vor Repressalien(Kündigung) Ihres Arbeitgebers haben. In der heutigen Zeit kann ich mir meinen Arbeitsplatz doch aussuchen. 200m weiter ist die nächste Pflegeeinrichtung und hier finde ich vielleicht bessere Arbeitsbedingungen und sogar eine bessere Bezahlung vor. Keine Pflegekraft darf mehr schweigen, wenn es um die Würde des alten Menschen geht. Jeder Einzelne kann entscheidend mit dazu beitragen, dass sich die Lage  verbessert, in dem er es als eine Hauptaufgabe sieht, den pflegebedürftigen Menschen gerecht zu werden.  Unser Dienst muss den Bewohnern und Patienten dienen.  Sie sind unser Auftraggeber und sie sind es, die uns bezahlen.

Pflegenotstand als Folge von Fehlregulierung

Die deutsche Gesundheitspolitik ist nicht vom Menschen her gedacht, sondern von den Kosten. Angefangen beim Abrechnungssystem der Ärzte und Pflegedienste, über die Fallpauschalregelung, die Trennung von Kranken- und Pflegekasse, bishin zur Leistungsbemessung nach Pflegegrad. Selbst mir als Fachfrau, die ich seit über 40 Jahren jeden Entwicklungsschritt in der Pflege hierzulande wahrnehme und bemüht bin jede Neuerung  einzuordnen,  ist es nicht mehr möglich zu sagen, welche Leistungen wem zustehen und unter welchen Voraussetzungen.  Hinzu kommt, dass jede  Kasse andere Antragsverfahren und Formulare hat.   Die bürokratischen Anforderungen die Pflegebetroffene, Angehörige, Pflegedienste und Ärzte zu bewältigen haben, kosten für sich genommen schon sehr viel Kraft und Zeit.   Ist dann ein Antrag nach vielem hin und her durch, hat sich der Bedarf mitunter schon erledigt.  Nicht selten werden Anträge mit fadenscheinigen Begründungen solange zurückgewiesen, bis die beantragte Maßnahme  oder z.B. der neue Rollstuhl für den Versicherten zu spät kommt.  Oft wissen Betroffene/Angehörige nicht, dass  in ihrem Falle, neben den Leistungen nach  SGB XI auch noch Leistungen nach SGB V oder SGB XII gezahlt werden müssten.  Und die betreffenden Kassen halten damit auch hinterm Berg, weil sie die Kosten ja tragen müssten, wenn sie darüber informieren.  Unabhängige Beratungsstellen für Patienten und Pflegebedürftige gibt es kaum.   Abgesehen davon, kann die erlebte Verschiebepraxis zwischen SGB V und SGB VI Leistungen  auch zu extremen Benachteiligungen führen, wie am Beispiel Wachkoma gezeigt.

Reha-Leistungen für pflegebedürftige, alte Menschen erschöpfen sich meist in 1x wöchtlich Krankengymnastik und/oder Ergotherapie. Diese erhalten Pflegebedürftige  auch nur, wenn es gelingt einen Therapeuten zu finden, der bereit ist Hausbesuche zu machen, bei denen die nicht in der Lage sind dessen Praxis aufzusuchen.   Denn die An- und Abfahrtskosten werden oft nicht bezahlt oder jedenfalls nicht in der tatsächlichen Höhe.   Abgesehen davon besteht  wenig Anreiz zur Rehabilitation, weil die Veringerung der Pflegebedürftigkeit  mit einer Verringerung der Pflegekassenleistung einhergeht.
Dem in §5 SGB XI erklärten Vorrang von Prävention und Rehabilitation, steht eine Regelung entgegen, die Betroffene dazu verleitet, einen möglichst hohen Grad der Pflegebedürftigkeit bescheinigt zu bekommen, damit die tatsächlichen Kosten wenigstens zum Teil gedeckt werden.

Das deutsche Pflegesystem belohnt die, die den Pflegebedürtigen bedürftiger machen.  

 

Die eigentlich Notleidenden sind die Kranken und Sterbenden

Derweil unsere Volksvertreter*innen in Berlin, mit dem soeben beschlossene Maßnahmenpaket gegen den Pflegenotstand, meinen die Not lindern zu können, spitzt sich die Lage in der Praxis zu.   Beispielhaft für das Ausmaß sei hier der Hilferuf einer Angehörigen vom 1. Nov. 2018 angeführt, die für ihren sterbenskranken Mann die nötige Unterstützung sucht:

„….. Mein Mann hat vorher einige Wochen auf der Palliativstation gelegen, aber dann ist er nicht in der vorgesehene Zeit gestorben, weshalb er dort wegen der Kasse nicht länger bleiben konnte. …. Ich war ja froh, dass ich überhaupt so kurzfristig einen Heimplatz gefunden habe.  Mir war auch wichtig, dass es ein kleines Haus mit einem kirchlichen Träger ist.  ……  Aber was ich hier erlebe, das kann man nur als Verwahranstalt bezeichnen.“, beschreibt die noch berufstätige Ehefrau ihren Eindruck:  „Im Wohnbereich in dem mein Mann (Grad 4) seit einigen Wochen  versorgt wird, gibt es überhaupt nur zwei Pflegekräfte, mit denen man sich normal auf Deutsch verständigen kann.  Alle anderen sind zwar freundlich und bemüht, aber sie verstehen oft nicht, was man will. ……. Die alten Leute hier  haben keine Ansprache, sie werden abgesetzt und sitzen untätig und niedergeschlagen umeinander.“, beschreibt Frau K, die erdrückende Stimmung.  Sie wollte wissen, wo sie Hilfe herbekommt, wenn sie ihren Mann nach Hause holt: „Ich habe überhaupt kein Vertrauen in die Pflege dort. Jeden Nachmittag und Abend kümmere ich mich um alles, gebe meinem Mann zu Essen und zu Trinken.  Als ich neulich ausnahmsweise vormittags gegen 11 Uhr kam,  lag er noch unversorgt da, ohne Frühstück und Medikamente.  Die Pflegerin, die ich darauf ansprach, ging dann mit und schüttet ihm wortlos alle Medikamente gleichzeitig in den Mund. Anschließend presste sie ihm den Schnabelbecher an die Lippen mit der Anweisung: „hier – schlucken“. …. Das Personal fühlt sich von mir kontrolliert. Dabei will ich doch nur, dass mein Mann nicht unnötig leiden muss.  Ich habe denen genau aufgeschrieben, wann er welches Schmerzmittel bekommt, damit die Wirkung über den Tag hällt. Ist das denn zu viel verlangt? “

Was würden Sie Betroffenen in solch einer Lage raten?

Da das Ehepaar in einer Landeshauptstadt lebt, besteht eine gewisse Chance für eine Unterstützung durch ein  ambulantes Palliativteam.   Jedoch wird in diesem Falle eine 24 Stunden-Pflege benötigt, die kurzfristig kein ambulanter Pflegedienst zur Verfügung stellen kann, selbst wenn die Kosten von den Betroffenen privat übernommen werden.  Denn auch ambulante Pflegedienste sind personell am Limit. Sie finden keine Pflegekräfte und müssen Anfragen immer häufiger abweisen.  Schon länger bemüht sich  Frau K um einen Platz in einem Hospiz für ihren 78jährigen Mann.  Dort gebe des Wartelisten, wobei scheinbar jüngere Sterbende bevorzugt werden, vermutet sie.

Wie an diesem Fall beispielhaft gezeigt werden kann, wirkt sich der Personalmangel in alle Bereiche der Pflege aus. Auch in den Krankenhäusern und Klinken gerät der Kranke/Patient/Pflegebedürftige häufig unter die Räder.

Autorin: Adelheid von Stösser,  November 2018


Die Pflegeethik Initiative Deutschland e.V.  hält  dieses Maßnahmenpaket für politisch geboten: Systemwechsel in der Pflege

 

 

2 Kommentare

  1. Ich finde den Artikel hochinteressant, zumal diese grundlegenden Aspekte unserer Pflegemiesere in der Öffentlichkeit so nicht kommuniziert werden.
    Danke!
    M.f.G.
    Rosemarie Roßberg

  2. Folgender Kommentar eines Insiders (in Leitungsfunktion) wurde per E-Mail geschickt und hier in gekürzter Form anonym eingestellt:

    In der Pflege generell geht es vermutlich schon gar nicht mehr darum, wann das endgültige Limit erreicht ist, sondern eher darum, wie heftig die Auswirkungen sein werden, denn die Grenze ist schon in sichtbarer Nähe – angefangen beim mangelnden Personal. Dass in Wirklichkeit die stark schwankenden Zahlen noch größer sein dürften, als es in verschiedenen Medien propagiert wird, liegt meines Erachtens auf der Hand, wird allerdings nicht thematisiert. Meiner Ansicht nach versteift man sich nämlich viel zu sehr auf „fehlendes Personal“, vergisst dabei aber jenes Personal, das eigentlich mit sofortiger Wirkung aus dem „Pflegeberuf“ ausscheiden müsste, da soziale Kompetenzen nur geringfügig vorzuweisen sind und somit eigentlich keine sozial-pflegerische Eignung vorliegt. Eine flächendeckende bzw. pauschale Verurteilung soll das aber nicht darstellen.

    … Dass das Ganze dann (vor allem politisch) immer wieder tot diskutiert wird oder werden kann, liegt einfach an der Vielzahl der Baustellen.

    – fehlende oder mangelnde medizinische Versorgung
    – fehlende oder falsche Anreize im System
    – geringe und auch teils unnötige bzw. falsch priorisierte Kontrollen
    – problematische Situation auf dem Arbeitsmarkt
    – fehlende Rund-um-Pakete für das Pflegepersonal von Seiten der Arbeitgeber
    – fehlende oder mangelnde Wohn- und Stadtkonzepte, die Pflegebedürftige als eine Art „Mittelpunkt“ sehen usw.

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