Bundeskabinett beschließt eine Pflegereform die an den eigentlichen Problemen meilenweit vorbeizielt.

Wer als Insider mit Sorge durch die Pflegelandschaft geht und die Heilsverkündung des Gesundheitsministers heute gehört hat, der den Kabinettsbeschluss als Meilenstein bezeichnet, sieht sich konfrontiert mit einer Schere die immer weiter auseinander geht.  Unsere Warnung vor dem neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff zählt nicht, sie ging im allgemeinen Lobgesang der Befürworter unter. Genauso wie die Problemberichte, die wir hier zu lesen und zu hören bekommen, als Einzelstimmen abgetan werden.  In der Steuerungszentrale unseres Landes entscheiden mehrheitsfähige Meinungen, ungeachtet des Fahrwassers in die das Schiff schliggert.

Gestern Abend erreichte mich folgender Bericht einer engagierten Lehrerin für Pflegeberufe, der ahnen lässt, wo wir enden, wenn nicht bald wirkliche Reformen angepackt werden:

Wir haben wieder eine Klasse (nach drei Jahren Altenpflegeausbildung) verabschiedet, was mir immer schwer fällt, weil mir die Menschen fehlen werden. Mit etlichen bleibt der Kontakt, das ist schön. Ziemlich frustrierend empfand ich die Tatsache, dass vor allem viele von den  “Guten” nicht in den Ausbildungseinrichtungen bleiben, weil man nicht “gut” mit ihnen umgegangen ist, sie während der Ausbildung kaum Unterstützung bekamen und auch die Angebote nach der Ausbildung sind eine Frechheit. Dazu nur ein Beispiel: Ein super Pfleger, super Mensch,  liebevoll und intelligent, der vorher schon in der Einrichtung länger als Helfer gearbeitet hat, jetzt ein gutes Examen hat, jeder freute sich auf ihn – der bekam das Angebot von einer Dreiviertelstelle, ein halbes Jahr Probezeit und ein Gehalt knapp über dem als Pflegehelfer… Ein unmoralisches Angebot, das auch nicht angenommen wurde.

Meine Wut wird immer größer, weil  ich oft den Eindruck habe, dass ein mehr an Personal in den Heimen gar nicht gewünscht ist, damit die Rendite höher wird …. puhhh.  Spitzenreiter in jüngster Zeit: Ein Schüler war mit einer zweiten Person mit Abenddienst, incl. Abendessen richten und Küche machen, für über 50 Pflegebedürftige allein. Eine Schülerin war im Frühdienst mit einer Fachkraft für 30 Bewohner allein.  Der Chef kam mittags vorbei, um zu sehen ob alle Bewohner angekleidet am Essenstisch sitzen. Die zwei wollten grad Luft holen um zu erklären wie sie das geschafft haben, aber das interessierte ihn nicht. “… geht doch… “ war sein Kommentar. Die Examinierte ist dabei zu kündigen und sich was anderes zu suchen. Ehemalige Schüler erzählen mir von verschiedenen Heimen grauenhafte Sachen, die so nicht stehen bleiben können. Kriminell.

Positives gibt es auch, nicht nur, dass ich hoffentlich bald eine Auszeit auf Amrum haben werde … so breit kann der Strand gar nicht sein, wie ich Abstand brauche…  und ich war kurz vor Schulschluss mit meiner Klasse in Pöttmes im St. Hildegard Heim. Mein Lieblingsheim, wenn ich dort bin denke ich mir immer – Mist, dass ich noch nicht 85 bin… ich würde sofort dableiben. Meine Schüler wurden immer leiser, vor lauter Faszination – wie es auch geht. Am Morgen sind insgesamt fünf Personen für die dreißig Bewohner zuständig. Es ist keine Hektik. Es riecht gut. Die Menschen wirken entspannt.  Es wird mit Aromapflege gearbeitet. Für den Palliativen Bereich wurden sie zertifiziert. Es ist alles würdig und durchdacht. Viele meiner ehemaligen Schüler sind dort. Es gibt kaum Fluktuation und kaum Krankheitsausfälle. Warum wohl? Die Leitung ist genial und ihr Team dadurch auch.

Ja, auch das ist eine Erfahrung die wir teilen. Menschlich gute Heime, in denen sich Heimbetreiber mit den Kostenträgern auf auskömmlich hohe Personalschlüssel einigen, haben Seltenheitswert, wie wir bei unserer Notrufaktion zum  Nachtdienst aktuell feststellen.  Es sind die Heimbetreiber selbst, die jede Möglichkeit schamlos nutzen, um am Personal sparen zu können.
Die Pflegeselbstverwaltung hat versagt und müsste aufgelöst werden.  Deutschland hätte genügend Pflegepersonal, wenn es nicht reihenweise verschlissen würde.

Diese Reform investiert in ein Fass ohne Boden.  Rund  700 Millionen Euro der Etat des MDK. Viele tausend Pflegefachkräfte beziehen ihr Gehalt aus der Pflegekasse, als Angestellte des Medizinischen Dienstes, wo sie keinem anderen Zweck dienen, als festzustellen, welche Pflegestufe/Pflegegrad, ein Antragsteller hat.  Und die Geldbeträge, die beim Versicherten nach der Reform mehr ankommen, helfen niemandem wirklich weiter.

Die heute beschlossene Pflegereform, wird kein einziges der bestehenden Probleme lösen, sondern zusätzliche schaffen.  Sie setzt Anreize in die falsche Richtung.  Wer die Menschen in die Abhängigkeit bringt, ins Bett pflegt, wird dafür mit einer höheren Pflege-Stufe/-Grad belohnt und bekommt mehr Geld.  Ist doch klar, dass sich nur ganz wenige Idealisten die Mühe machen, die Leute möglichst lange selbstständig zu halten.  Wer wissen will, wo die Regierung ansetzen müssten, sollte diesen Beitrag von 2004 lesen: Wenn Medizin und Pflege den Kranken kränker macht und wie man dieses verhindern kann.

Dr. Waltraud Berle, die Autorin des Buches Schluss sag ich!, nimmt die Bundeskanzlerin in die Pflicht: „Das ist einen Schande“ Wie Merkel einen Großteil der Deutschen im Stich lässt, so ihr aufrüttelnder Beitrag auf Huffington Post.  Recht hat sie!  Jedoch dürfte sich Frau Merkel diesen Schuh kaum anziehen, schließlich hat sie einen ihrer Vertrauten zum Gesunheitsminister gekührt, und wenn der sagt, dass in der Pflege alles auf einem guten Weg ist, dann wird sie das gerne glauben.

4 Kommentare

  1. Wenn ich das hier so lese, bin ich einerseits froh, daß all das hier endlich an die Öffentlichkeit kommt und daß ich endlich für mein langjähriges, entsetztes Meckern meine Bestätigung bekomme, ich weiß jetzt endlich das ich immer im Recht war, als mir keiner glaubte und ich nicht übertrieben hab. Dass es wirklich immer so war und ist und anderseits empfinde ich es richtig beängstigend und unmenschlich, wenn ich an unsere Zukunkt denke. Einfach nur grauenvoll. Noch rechtzeitig den Absprung geschaft.. Doch was passiert weiter?

  2. Also ist es doch möglich, wie in Pöttmes, im St. Hildegard Heim, zu sehen ist, bei gutem Willen und Augenmaß ein gutes Heim zu führen. Zeigte es doch auch, dass in schlechten Heimen die Profitgier herrscht. Deshalb sollten solche Heime öffentlich an den Pranger gestellt werde.

  3. Im letzten Jahr besichtigte ich erstmals eine Einrichtung, in der ebenfalls solch „paradiesische Zustände“ herrschten. Auf kleinen Wohnbereichen wurde ganzheitliche, personenbezogene Gruppenpflege praktiziert…Gestern besuchte ich Bewohner meines ehemaligen Wohnbereiches, in dem ich bis vor 3 Jahren als Wohnbereichsleiterin für 58(!)Bewohner zuständig war. Nun, es hatte sich nichts geändert. Noch immer bemühten sich 2 Pflegefachkräfte mit 2 Schülerinnen, dass bis zum Mittag wenigstens die Grundpflege erledigt wurde. Es mag makaber klingen, aber ich bin soooo froh, dass mich eine Krankheit aus diesem System gerettet hat. Leider wird es noch viele gute Kräfte kosten, die schon frühzeitiger aus der Altenpflege aussteigen. Gesetzesänderungen sind mehr als überfällig. Eile ist nicht gefragt, wenn es um Profite geht.

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