Wenn Lug und Trug in der Pflege Schule machen

In der Woche als die Bundesregierung beschloss, die Pflegenoten nicht endgültig 2016 abzuschaffen, sondern noch bis 2018 den Bundesbürgern eine schöne heile Pflegewelt vorzugaukeln, las ich gerade Nebelwelten von Peter Wissmann. Ein  wohltuend kritisches Buch aus der Feder eines Insiders in Sachen Demenz. Das erste Buch, das  der Fachwelt wie auch der Gesellschaft einen Spiegel vorhält.   Kernaussage: Nicht die Menschen mit der Diagnose Demenz sind das Problem, sondern die Parallelwelt  die sich um diese herum entwickelt hat.  Eine Welt in der es normal geworden ist, anderen etwas vorzugaukeln, in der sich kaum  jemand aufregt wenn individuelle Pflege versprochen wird,  obwohl jeder weiß, dass das Personal Fließbandarbeit  leisten muss.   Damit der Schein nach außen gewahrt bleibt, haben die Regierenden im Verbund mit den Kassen und Heimbetreibern eine Scheintransparenz eingeführt.  Ein Prüfsystem das  jedem Heim Bestnoten garantiert.  Heime, in denen alle Bewohner ruhig gestellt und fixiert werden, die sich nicht klaglos in ihr Schicksal fügen, erhalten ebenso Bestnoten, wie solche die genau das nicht praktizieren.  Heime in denen es üblich ist, Menschen in Windeln zu legen um Toilettengänge zu sparen, erhalten ebenfalls Bestnoten.   Auch wenn nur eine Nachtwache für mehr als 40 hilfebedürftige Menschen eingesetzt wird, kann das Heim mit einer Eins rechnen,  sofern diese Nachtwache vorschriftsmäßig dokumentiert. Niemand prüft ob die Maßnahmen gemacht wurden, die auf dem Papier stehen.  Selbst wenn  jedem Laien auffällt, dass die dokumentierten Leistungen  unmöglich von dem eingesetzten Personal zu leisten sind,  die Transparenzkriterien sehen keine Überprüfung vor. Also gibt es trotzdem Bestnoten.

Täuschungsmanöver und Scheingefechte im Kampf gegen eine heraufbeschworene Monsterkrankheit mit dem Namen DEMENZ

In Nebelwelten geht es nicht primär um Lug und Trug bei den Pflegenoten, grünen Haken oder anderen Schönfärbereien mit denen die nackten Tatsachen  bemäntelt werden.   Wer sich da als Fachfrau/Fachmann nicht an der ein oder anderen Stelle ertappt sieht, sollte das Buch zweimal lesen.  Vielmehr beleuchtet Wissmann die  Demenz-Szenerie insgesamt,  in dem er zeigt wie weit wir bereits  drinhängen in diesem Lügengebäude, das er  Parallelwelt nennt.  Angefangen mit den Lehrmeinungen der Demenzforscher,  die an den offensichtlichen Ursachen gezielt vorbei forschen und pharmakologische Lösungen versprechen.  Solange die Angst vor dieser „grauenvollesten aller Krankheiten unserer Zeit“ um sich greift, können sie davon ausgehen,  dass weitere Milliarden in die Alzheimerforschung gesteckt werden.  Inzwischen etablieren sich sogar Früherkennungsverfahren auf dem Markt, obschon weder die Ursache noch ein Heilmittel bekannt ist. Es fehlt nur noch, dass diese von den Krankenkassen übernommen werden.  Und die „Könige“ an den Regierungen der Wohlstandsländer merken nicht, dass sie längst Teil dieser Parallelwelt sind.

Tatsächlich konnte sich im laufe der Zeit ein Irrsinn  etablieren, der im Bereich der Pflege längst unsere Realität bestimmt.  Nicht nur  Menschen mit der Diagnose Demenz irren umher. Auch  hochdotierte Professoren und Fachleute  stochern im Nebel, schüren Ängste und bedienen einen gefährlichen Mainstream.   Nebelwelten führt uns vor Augen,  wie  mit Unterstützung von Regierungen und Wissenschaft eine Monsterkrankheit  heraufbeschworen wird, die unsere Zivilisation unterwandert.  Vergleichbar mit  Trojanern, die lange im Verborgenen die Programme auf Computern durcheinanderbringen,  haben sich längst DEMENZIANER (wie ich sie nennen würde)  in die sozialen Netzwerke der realen Lebenswelt  eingeschleust, die, wenn wir sie lassen, ein heilloses Chaos anrichten werden.

Sehr anschaulich zeigt Peter Wissmann in genanntem Buch,  wie Lug und Trug  Schule machen.  „Was wir hingegen seit einigen Jahren zunehmend erleben, ist die von interessierter Seite systematisch vorangetriebene Legitimierung von Lügen und Scheinangeboten als zulässigem Konzept in der Pflege und Betreuung.  … Und was macht es auf Dauer eigentlich mit den Pflegenden, wenn sie Teil von Inszenierungen werden und anderen ständig etwas vorgaukeln sollen?“  Zum Beispiel die Idee mit den Bushaltestellen in den Heimen, an denen nie ein Bus hält.   Weil das vor Jahren in einem Heim bei bestimmten Bewohnern mit Weglauftendenz gut geklappt hatte, findet man heute in vermutlich  jedem dritten Heim eine  Attrappe, mit einem echt aussehenden Schild und Fahrplan sowie eine Wartebank.   Dort werden Bewohner hingebracht, die weg wollen.  Man versichert ihnen, dass bald ein Bus kommt, der sie da hin bringt, wo sie hin wollen.  Steht der Bewohner auf, weil es ihm zu lange dauert, versichert ein vorbeikommender Mitarbeiter, dass er sitzen bleiben müsse, wenn er den Bus  nicht verpassen will, weil der in 5 Minuten komme.   In Einzelfällen mag das eine zeitlang funktionieren, ohne dass sich der dort abgesetzte  Mensch verhöhnt vorkommt.  Jedoch irgendwann dürfte jeder merken, dass er belogen wird.
Sehr empfehlenswert ist auch das Kapitel über die  Demenzdörfer, denen  Herr Wissmann eine klare Absage erteilt.  Und er hat Recht, wie ich beim Lesen erkennen konnte.  Aus diesem Blickwinkel hatte ich die Demenzdorfidee bisher nicht gesehen. Was allgemein als Zukunftsvision idealisiert wird, ist das Gegenteil von Inklusion.

Vieles was auf den ersten Blick sinnvoll erscheint, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als ein weiterer Baustein des Lügengebäudes.  Und wer sich angewöhnt alten Menschen mit der Diagnose Demenz im täglichen Umgang einen Bären aufzubinden, wird sich irgendwann auch nichts mehr dabei denken, wenn er im Umgang mit Kollegen oder Vorgesetzten oder auch privat Geschichten erfindet.  Andere machen das ja schließlich auch.  Wie normal es in der Pflege bereits geworden ist  zu Lügen und zu Betrügen,  zeigen  Dokumentationsprogramme, die es ermöglichen mit einem Klick alle zu erledigenden Maßnahmen bei sämtlichen Bewohnern als erledigt abzuzeichnen.  Alleine die Anschaffung eines solchen Programmes, kommt der Einladung zum Betrug gleich.  Wer nicht in der vorgegebenen Form dokumentiert, sondern sich die Mühe macht wahrheitsgemäß nur das tatsächlich gemachte einzutragen, fällt aus dem Rahmen.  Der Ehrliche hat einen schweren Stand in einem Bereich,  in dem  Lug und Trug mit Bestnoten  belohnt werden.

Was kann man tun, wenn man alleine gegen den Mainstream steht und alle um einen herum nicht sehen, dass der Kaiser in Wirklichkeit nackt ist?

Peter Wissmann empfiehlt,  gute Erfahrungen und Beispiele  im Sinne einer echten Inklusion zu suchen und zu unterstützen.

Ergänzend dazu empfehle ich, sich mit denen zusammen zu tun oder denen den Rücken zu stärken, die sich – wie der Pflege-SHV –  für echte  Lösungen einsetzen.  In erster Linie für ein Gesundheits- und Pflegesystem, das gute Ergebnisse belohnt und schlechte bestraft.  Derzeit ist es genau umgekehrt.   Die von Wissmann anschaulich beschriebene  Parallelwelt, erzeugt geradezu ein Klima in dem früher oder später jeder mit der Diagnose Demenz rechnen muss.  Aber auch andere Zivilisationskrankheiten gedeihen in diesem Klima prächtig.   Und fast täglich werden neue Diagnosen erfunden, für die neue Untersuchungen und neue Medikamente  eingesetzt werden.   Der Gesundheitsmarkt blüht und wächst ins uferlose in dem er Kranke und Pflegebedürftige produziert.  Und die Gesundheitsminister merken nicht, wie sie den Karren ziehen und die Nebelwerfer  befeuern.  Das Frühwarnsystem der Gesellschaft ist ausgeschaltet, bei Regierungen die sich am Mainstream orientieren und abweichende Sichtweisen ignorieren.

Aktuell arbeite ich an einer Sonderseite Demenz, die nicht minder deutlich ausfallen wird wie die  Sonderseite Nachtdienst.  Während der Recherchen haben ich einige kritische Bücher zum Thema gelesen, in denen vieles klargestellt und vor allem von der Medizin ein anderes Verständnis  gefordert wird.   Nebelwelten, von Peter Wissmann, beleuchtet hingegen die Szenerie und Scheinwelten rund um das Thema Demenz. Ebenso spannend wie einleuchtend geschrieben. Sie sollten es lesen.

 

3 Kommentare

  1. Eigentlich gilt es mittlerweile überall und nicht nur in der Pflege bspw. beim Thema Demenz einen neuen Wirtschaftszweig „künstlich“ zu pushen. Fast alles in unserem heutigen „System“ bedient sich diesem Werkzeug. Somit ist so gut wie JEDER innerhalb dieses Systems ein Mittäter. Gerade aber Angstmacherei wie Arbeitslosigkeit, Abhängigkeiten als Arbeitnehmer, usw. führen dazu, dass sehr viele (gerade das Pflegepersonal) nicht auf Missstände hinweisen.

    Zitat: „Und wer sich angewöhnt alten Menschen mit der Diagnose Demenz im täglichen Umgang einen Bären aufzubinden, wird sich irgendwann auch nichts mehr dabei denken, wenn er im Umgang mit Kollegen oder Vorgesetzten oder auch privat Geschichten erfindet. Andere machen das ja schließlich auch.“

    Dieser psychischen Veränderung ist man leider wirklich ausgesetzt und ich persönlich finde das erschreckend. Man merkt einfach, wie immens Einfluss dieser Teil (also die Pflegebranche) des gesamten Wirtschaftssystems auf Menschen hat, Menschen verändert – wenn nicht sogar verkümmern lässt.

    Zitat: „Aber auch andere Zivilisationskrankheiten gedeihen in diesem Klima prächtig. Und fast täglich werden neue Diagnosen erfunden, für die neue Untersuchungen und neue Medikamente eingesetzt werden. Der Gesundheitsmarkt blüht und wächst ins uferlose in dem er Kranke und Pflegebedürftige produziert.“

    Ein Gesundheitssystem, das nicht auf Prophylaxe und Prävention aus ist, schafft Abhängigkeiten, hält Kranke gezielt krank und will Gesunde so schnell es geht doch irgendwie krank werden lassen. Mehr als das man hier sagen muss „das ist wirklich krank“, fällt mir leider nicht ein. Man kämpft allein leider gegen Windmühlen. Es bedarf hier einer Vielzahl an kritischen Stimmen!

    • Das sind doch mal erfreuliche Neuigkeiten! Ich freue mich, dass sich im soazelin Bereich so viel tut. Endlich Schritte, die die Pflege für alle Beteiligten besser machen. Beste Grüße!

  2. Lug und Trug in der Pflege sind bereits gängige Praxis. Das betrifft viele Pflege-Anbieter, als auch die Bundespolitik. Selbst den sogenannten Zertifizierungen ist nicht mehr zu trauen. Viele Heime arbeiten vermehrt mit „Betreuungsfachkräften“, um die Gewinne zu maximieren.
    Das BMG serviert weiterhin neue, „revolutionäre“ Gesetzesvorlagen. Diese bringen, über erhöhte Pflegekassenbeiträge, mehr Einnahmen. Das bedeutet,auch für sozial Benachteiligte ein mehr an Steuern.
    Bei den Zertifizierungen dreht sich mir der Magen um. Völlig heruntergewirtschaftete Altenheime, bekommen gute Noten. Da bedarf es dringenst einer Neuorientierung des Gesundheitswesens. Möglichst unter Ausschluss diverser Lobbyisten!

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