Sterben auf Intensivstation

Letzte Hoffnung Intensivstation. Wer dort liegt, dessen Leben hängt nicht nur an vielen Schläuchen sondern oft auch am seidenen Faden.  Ungezählte Menschen in kritischer Lage verdanken ihr „zweites“ Leben der Intensivmedizin. In vielen Fällen handelt es sich dabei jedoch eher um eine Leidensverlängerung. Die Sterberate auf den Intensivstationen ist hoch, zumal dort, wo aus wirtschaftlichen Erwägungen selbst in „aussichtslosen Fällen“ noch kurz vor dem Tod Intensivmedizin betrieben wird. Darunter zunehmend  auch hochaltrige Menschen, die buchstäblich aus dem letzten Loch pfeifen und eigentlich ein Recht darauf haben sollten, in Ruhe sterben zu dürfen.

Menschen, die während der Corona-Zeit lebensbedrohlich erkrankt sind und auf  Intensivstation kommen, sehen sich in lebensbedrohlicher Lage zusätzlich mit der Angst konfrontiert, ihre Angehörigen nicht mehr sehen zu können.  Auf Facebook hatte eine „Intensivschwester“ kürzlich von einer Patientin berichtet, der sie eines abends den Telefonhörer ans Ohr gehalten hatte, damit sie sich von ihren Angehörigen zu Hause verabschieden konnte. Der Arzt hatte ihr zuvor erklärt, ihre Sauerstoffsättigung sei jetzt so kritisch, dass man beatmen müsse.  Sie würde in ein künstliches Koma versetzt, aus dem sie, wenn alles gut laufe nach 1 bis 3 Wochen wieder aufgeweckt werden könne. Die Frau habe am Telefon nur geweint und die Angehörigen am anderen Ende der Leitung ebenfalls.  Ihr sei das sehr nahe gegangen und sie finde das alles so schrecklich, schrieb die „Intensivschwester“. Wobei sie zugleich ihre Überzeugung zum Ausdruck brachte, dass es zur Beatmung keine Alternative gebe. Die  Besuchsverbote würden auch sie und die Kollegen sehr belasten. Aber das sei nun einmal Vorschrift. In zahlreichen Kommentaren drückten Mitglieder dieser Facebookgruppe ihr Mitgefühl aus. Menschlich ganz furchtbar, darin waren sich alle einig.  Und wie, um einen Schuldigen für derartige Schicksalsschläge zu suchen, entrüstete man sich zuletzt über die  „Corona-Leugner“, die  wegen Masken und Freiheitseinschränkungen demonstrierten und damit andere gefährden würden. „Wer Corona leugne, der solle sich den leider oft vergeblichen Kampf um das Leben der Covid-Patienten anschauen.“, so die häufig, gerade von Intensivmediziner*innen und Pfleger*innen geäußerte  Meinung. Weshalb Intensivstationen und die dort tätigen „Lebensretter“  auch immer wieder in Fernsehsendungen gezeigt werden und auch aktuell wieder für die Beibehaltung von Lockdowns plädieren.

Seit Februar 2020 dreht sich alles um die Kapazitäten der Intensivbetten und Beatmungsplätze. Zu Beginn wurden die strikten Besuchsverbote auch in den Heimen und andere Freiheitsbeschränkungen mit den Bildern aus Bergamo  begründet und einem Drohszenario mit bis zu 1,2 Millionen Corona-Toten in Deutschland. Heute, ein Jahr später, haben wir rund 70.000 Menschen, zumeist hochaltrige, die nach einem positiven PCR-Test in einem Heim oder Krankenhaus verstorben sind. Die Intensivstationen waren zu keiner Zeit überlastet. Nur wenige hatten kurzzeitig so viele Covid-Patienten, dass es eng wurde und die nächsten Patienten in entfernte Häuser hätten verbracht werden müssen.  Die meisten Krankenhäuser waren so stark unterbelegt, dass  für rund 400.000 Mitarbeiter Kurzarbeit beantragt wurde. Mitten in der „Jahrhundertpandemie“ wurden in Deutschland  20 Krankenhäuser geschlossen. und 3000 Normalbetten sowie  5000 Intensivbetten abgebaut. Quelle:  DIVI Intensivregister .
Dennoch vergeht kaum ein Corona-Extra ohne den besorgten Blick auf die Lage der Intensivstationen.  Immer verbunden mit dem Hinweis auf die (theoretische) Gefahr, dass Ärzte vor die Entscheidung gestellt werden könnten, einen Patienten von der Beatmung abzunehmen, wenn alle Plätze belegt sind und ein weitere Patient kommt, dessen Leben vielleicht durch eine Beatmung zu retten wäre.

Worüber  bis heute kaum berichtet wird, sind die Risiken und Erfolgsaussichten  der Intensivbehandlung, insbesondere der Beatmung.  Warum drängen machen Ärzte auf Beatmung, während andere davor warnen?  Wäre die oben erwähnte Patientin beispielsweise in der Pneumologischen Klinik des Dr. Voshaar  behandelt worden, wäre sie nicht in Panik und Todesangst versetzt und zur Einwilligung in die Beatmung gedrängt worden. Denn dieser Arzt gehört zu denen, die von Beatmung bei Covid-Patienten abraten.  Schließlich wurde weltweit  festgestellt, dass durch anfänglich favorisierte Beatmung die wohl allermeisten Todesfälle hervorgerufen wurden.  Weniger als die Hälfte der beatmeten Patienten hat überlebt. In Italien, in Frankreich in den USA überall warnen Ärzte inzwischen davor. An zwei Kliniken in den USA zeigte eine Untersuchung, dass in der Klinik, die auf frühzeitige Beatmung gesetzt hat sogar 90 Prozent gestorben sind, hingegen in der anderen Klinik, in der kein Covid-Patient  beatmet wurde, nur 10 Prozent.  Bei diesen Ergebnissen, stellt sich die Frage warum  derzeit 57 Prozent der Covid-Patienten auf Intensivstationen beatmet werden (DIVI Intensivregister 02.03.2021). Die AOK  stellte bei einer Erhebung im Zeitraum von 26. Februar bis 19. April 2020 eine Sterberate von 72 Prozent bei beatmeten der Altersgruppe 80+ fest.  Eine genauere Erfassung und Auswertung aller Behandlungsdaten und Ergebnisse,  die Symptome,  Alter und Vorerkrankungen sowie Lebensumstände einschließen sollte, steht auch nach einem Jahr Pandemie aus.

Wer die Tortur wochenlanger  Beatmung überlebt, benötigt oft monatelange Nachbehandlung und Rehabilitation. Viele werden hierdurch zum Schwerstpflegefall und müssen gar als Wachkomapatienten weiterhin intensivpflegerisch betreut werden.  Dr. Thomas Voshaar, beschreibt in einem Interview des MERKUR seine andere Strategie:

„Der Arzt setzt vermehrt auf den Einsatz von Antibiotika und einer umfangreichen Diagnostik. Sollte das nicht ausreichen und ein Patient mit einer schweren beidseitigen Lungenentzündung eingeliefert werden, erhalten Patienten Sauerstoff über eine Nasenbrille. „Reicht das aber nicht aus, geben wir Patienten möglichst früh eine Atemmaske, die mit Druckluft das Atmen unterstützt.“ Durch diese Methode habe der Arzt wesentlich kürzere Behandlungszeiten von sechs bis zwölf Tagen erreicht.“

Siehe dazu auch MONITOR-beitrag vom 11.März 2021

Welches Leben retten wir und wenn ja, zu welchem Preis?

Um die 38.500 Euro kostet die Intensivbehandlung eines Covid-Patienten im Schnitt.  Kassen haben auch schon 85.000 Euro zahlen müssen, je nach Verweildauer.  Patienten, die die Beatmung überleben, bedürfen oft weiterer Monate stationärer Behandlung. Mit welchen Kosten diese zu Buche schlägt ist unbekannt. Wohl auch deshalb, weil Konsens in unserer Gesellschaft herrscht, dass es unethisch ist, aufs Geld zu schauen, wenn es darum geht, Menschenleben zu retten. Ja, die Medizin sieht sich geradezu verpflichtet in jedem Falle alles medizinisch Mögliche zu unternehmen, um das Sterben aufzuhalten.  Sei es auch nur für wenige Tage.  Sei es auch im Zustand der Bewusstlosigkeit und ohne jede Perspektive.  Lebensrettung wird mit der Aufrechterhaltung körperlicher Vitalfunktionen gleichgesetzt und nicht mit der Fähigkeit am Leben teilnehmen zu können.  Ohne eine aussagekräftige Patientenverfügung, die es Ärzten untersagt etwa im Falle einer Covid-Erkrankung zu beatmen, können Betroffene nur hoffen, an einen Arzt  zu geraten, der die Gesamtsituation sieht und dem eigenen ethischen Empfinden folgend von einer Beatmung abrät, obwohl die Klinikleitung empfohlen hat, die vorhandene Kapazität auf der Intensivstation auszulasten.  Je mehr Beatmungsplätze frei sind, für die Personal bereitsteht, desto größer die Gefahr, dass Ärzte wider besseren Wissens Beatmungen  durchführen. Hält der Beatmete drei Tage durch, würde sich das finanziell bereits lohnen.  Jeder Beatmungstag sichert Kliniken wichtige Einnahmen.  Selbst Krankenhäuser, die es nicht darauf anlegen Gewinne zu erzielen, sind gehalten kostendeckend zu kalkulieren.  Sie kalkulieren mit Fallzahlen. Konservative Behandlung bringt deutlich weniger ein, als operative und invasive.  Je riskanter die Behandlung für den Patienten, desto lukrativer für die Klinik.

Vor diesem Hintergrund stellt sich mehr denn je die Frage nach dem Schutz vor einer leidensverlängernden Intensivmedizin. Dies betrifft keineswegs nur Covid-Patienten sondern kann jeden Schwerkranken treffen, wie beispielsweise dieser  MONITOR Beitrag vom November 2019 zeigt. Selbst Patientenverfügungen werden leicht  übergangen oder eben aus medizinischer Sicht so gedeutet, dass sich Patienten am Ende doch der Apparatemedizin ausgeliefert sehen und nicht im Kreise ihrer Lieben Abschied nehmen und ihre „Heimreise“ antreten können.  Wie können wir verhindern, dass Profit mit sterbenden Menschen gemacht wird?

Die Übergriffigkeit der Intensivmedizin  ist eine Fehlentwicklung, die anders korrigiert werde müsste, als durch Patientenverfügungen. Hierzu bedarf es einer ethischen Debatte, die nicht alleine von Fachleuten geführt werden sollte, sondern die Gesellschaft einbeziehen müsste. Seit Corona hat sich die Übergriffigkeit extrem verstärkt. Kranke werden von ihren Angehörigen getrennt. Menschen in höchster Not wird die Begleitung durch vertraute Menschen versagt. Das ist die eigentliche Unmenschlichkeit die Corona hervorgebracht hat. Nein, nicht das Virus ist daran schuld. Sondern Ärzte und Pflegekräfte, Intensiv-Fach-Personal das  sich Corona-Verordnungen verpflichtet fühlt und diese selbst dann nicht in Frage stellt, wenn alle darunter leiden.     Ärzte und Pflegekräfte hätten es als Fachleute in der Hand,  Besuchsverbote für unmenschlich zu erklären und auch deshalb abzulehnen, weil sie wissen wie wichtig Zuspruch und Nähe eines vertrauten Angehörigen für den Behandlungserfolg sind.   Für Besuche auf Intensivstation war immer schon Schutzkleidung erforderlich.  Angehörige die nur bei ihrem Patienten bleiben, stellen allenfalls eine theoretische Gefahr dar.

Für Ärzte und Pflegekräfte ist die alte Frau auf dem Titelbild dieses Beitrags eine Unbekannte. Für den alten Ehemann, der vielleicht seit mehr als 60 Jahren mit ihr durchs Leben ging, ist sie alles. Auch die Kinder und Enkel sehen in dieser Frau keinen Beatmungsfall, sondern einen wichtigen Teil ihres Lebens. Sie dürfen ihr nicht Nahe sein, in den Stunden ihres Todes oder falls sie doch nochmals aufwachen sollte.

Endstation – Intensivstation:  Sterben ohne Begleitung 

Intensivmedizin ist auf Lebenserhalt ausgerichtet. Intensivpatienten werden nicht als Sterbende verstanden, denn dann wäre Palliativmedizin angesagt.  Zwar werden Patienten, sofern  sie wach sind  oder Angehörige über den Ernst der Lage aufgeklärt, jedoch stets verbunden mit der Hoffnung auf Besserung. „Wir tun was wir können, um das Schlimmste verhindern.“, so die Haltung des Personals.  Sterben wird dort mit dem Schlimmsten verbunden, was passieren kann. Selbst wenn es sich  um Menschen mit einer langen Leidensgeschichte handelt, bei denen es in Todesanzeigen häufig heißt:

„Als die Kraft zu Ende ging, war`s kein Sterben, war`s Erlösung.“

Erlösung von einer körperorientierten Medizin, die den Menschen nicht als Seelenwesen versteht und sich kein materieunabhängiges Leben nach diesem Leben vorstellen kann.  Erlösung von einer Medizin, die sich dem Ziel verschrieben hat, den Tod zu besiegen, weil sie mit Aussagen wie den folgenden, lediglich frommes Wunschdenken verbindet:

„Der Tod ist das Tor zum Licht am Ende eines mühsam gewordenen Weges“ (Franz v.Assisi) oder
„Meine Kräfte sind zu Ende, Herr, nimm mich in deine Hände.“
„Wir sind nur Gast auf Erden und wandern ohne Ruh, mit mancherlei Beschwerden der ewigen Heimat zu“

Meine andere Haltung, die heute als veraltet gilt, wurde geprägt während der Ausbildung zur Krankenschwester (1970-1973) an einem Krankenhaus, das sich in der Trägerschaft eines Ordens befand, in dem damals alle Leitungsämter von Ordensschwestern besetzt waren. Diese Ordensschwestern, sie waren weiss Gott keine Heiligen, besaßen jedoch in vielen Dingen ein vergleichbar gesundes Selbstverständnis.   So sorgten sie dafür, dass Sterbende möglichst ein Einzelzimmer bekamen, damit Angehörige oder auch ältere Ordensschwestern sie in ihren letzten Tagen und Stunden begleiten konnten.  Das Sterbezimmer wurde athmosphärisch gestaltet, mit gedämpftem Licht, Blumen, Kerzen und evtl. leiser Musik.  Auch eine gemütliche Sitzecke für Angehörige, ggf. ein Liegesessel  oder Zusatzbett, wenn der Angehörige über Nacht bleiben wollte.   Ähnlich wie es heute in Hospizen üblich ist.   Sterbenskranke bekamen grundsätzlich Wunschkost. Sie wurde täglich gefragt, worauf sie Lust haben und in der Küche gab es eine alte Küchenschwester, die sich sogar spät abends noch an den Herd stellte, um Sonderwünsche zu erfüllen.  Heute wird erwartet, dass der Patient für eine Woche im voraus unter drei Gerichten auswählt.  Auch die Stationsküchen waren in der Regel so ausgestattet, dass häufige Sonderwünsche kurzfristig erfüllt werden konnten.  Eine personell eigenständige Intensivstation wurde in diesem Krankenhaus erst 1973 in Betrieb genommen. Vorher gab es lediglich einen Aufwachraum vor dem OP-Trakt  sowie auf den Etagen  ein Patientenzimmer, das kurzfristig mit Überwachungs- und Beatmungseinheiten ausgestattet werden konnte.  Diese Plätze waren häufig belegt mit jüngeren Patienten nach schweren Unfällen und anderen Akutereignissen.  In Grenzentscheidungen, wenn es beispielsweise um die Frage nach den Erfolgsaussichten einer längerfristigen Beatmung ging, war die Stationsleiterin immer einbezogen. Dabei wurde  auch die personelle Machbarkeit besprochen.  Schließlich galt es allen Patienten gerecht zu werden.  Neben der personellen Situation, spielte auch die Frage nach den bleibenden Schäden eine Rolle, falls der Patient aus dem Koma erwacht.

Im Vergleich dazu erleben wir gegenwärtig eine Haltung der künstlichen Leidensverlängerung von Menschen, die mit ihrer Kraft am Ende sind.  Anstatt hier auf Leidenslinderung zu setzen, würdevolles Abschiednehmen und Begleitung durch vertaute Angehörigen zu ermöglichen, sind Besuche aktuell komplett verboten oder extrem begrenzt.

Intensivstationen sind keine  Orte an denen über den Tod und was danach kommen könnte gesprochen wird.  Seelsorge, wenn sie denn stattfindet, ist eher gehalten dem Patienten Mut zu machen, damit er den bedrohlichen Zustand überlebt.  Diese Art von Seelsorge unterscheidet sich stark von der, die gläubige Menschen erfahren, die sich auf ihren Tod vorbereiten dürfen, denen niemand erklärt: „Es wird schon wieder. …. Sie dürfen nicht an den Tod denken.“    So werden Sterbenden von der modernen Medizin nicht nur an einem „natürlichen“ Sterben gehindert, sondern auch daran, alles ihnen wichtige mit ihren Nächsten noch zu klären.

 


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1 Kommentar

  1. Der Beitrag zeigt Problemfelder auf. Doch wer will sie hören oder gar diskutieren. Geld regiert die Welt. Das Wohl der Menschen (Patienten und Mitarbeiter) steht nicht im Vordergrund, wird aber nach Bedarf zur Unterstützung herangezogen. Die notwendige gesellschaftliche Diskussion wäre Aufgabe der Parteien; ihre Abgeordneten können und sollten den Bürgerwillen gegen Lobbyinteressen umsetzen.

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