Corona-Hotspot Sachsen

Während die neuen Bundesländern bis September  verhältnismäßig wenig Corona Infizierten und Toten hatten, übertrifft die zweite Welle dort alle anderen Länder.  Schockierende Bilder von sich trümenden Särgen und überfüllten Krematorien, wecken Erinnerungen an die Lage in Bergamo.  Was ist da los, fragen viele?  Warum sterben dort jetzt so viel mehr alte Menschen?  Kaum ein Heim, dass noch nicht von Corona heimgesucht wurde.
Die Frage nach den Ursachen für die aktuelle Corona-Entwicklung in Sachsen beschäftigt auch mich. Um für die Zukunft die richtigen Lehren daraus zu ziehen, finde ich es wichtig, die Gründe genauer zu untersuchen.

Nach meiner Einschätzung kommen hier folgende Dinge zusammen:

  1. Hoher Anteil alter und alleinlebender Menschen:  Sachsen hat, weil ab 1990 viele jüngere in den Westen gezogen sind, einen entsprechend höheren Altenanteil.  Und die zurückgebliebenen Alten können bei Pflegebedürftigkeit weniger erwarten, dass Angehörige sich kümmern.  Hinzu kommt eine höhere Altersarmut, was u.a. dazu führt, dass ein Großteil irgendwie versucht  möglichst lange ohne fremde Hilfe in den eigenen vier Wänden klar zu kommen oder nur die Leistungen in Anspruch zu nehmen, die von der Pflegekasse übernommen werden.   Durch die Corona-Beschränkungen bzw. die Angst vor Ansteckung dürfte sich die Lage gerade der alleinlebenden Alten verschlechtert haben, einschließlich der ärztlichen Versorgung.  Auch ehrenamtliche Hilfe bleibt schließlich auf Distanz.   Dort wo es an zugehender Hilfe fehlt, geraten alleinlebende ältere Menschen leicht in eine bedrohliche Lage. Wenn diese  bemerkt wird, kann es oft schon zu spät sein. Verwahrlosung, Depression bis zum völligen Zusammenbruch.  Auch in anderen Regionen mit einer hohen Sterberate dürfte man bei näherer Betrachtung feststellen, dass es vor alle die alleinstehenden Alten getroffen hat, die sich plötzlich abgeschnitten sahen von der geringfügigen Hilfe, die bis dahin geradeso für allernötigste reichte.
    https://www.demografie.sachsen.de/entwicklungstrends-4049.html . In Zwickau, dem Landkreis mit der höchsten Inzidenz sind die meisten Haushalte 1-Person-Haushalte,  siehe: https://www.landkreis-zwickau.de/statistik
  2. Die kommunalen oder ambulanten Angebote sind nicht nur völlig unzureichend,  sondern meist auch mit hohen bürokratischen Hürden verbunden.  Selbst jüngere und gesunde Menschen haben damit große Schwierigkeiten.  Theoretisch stehen viele Hilfsmittel und Hilfsangebote zur Verfügung. Praktisch profitieren jedoch nur die davon, die wissen wo und wie man diese beantragen kann und die sich nicht entmutigen lassen, wenn Anträge mit fadenscheinigen Begründungen abgelehnt werden.  Ein Thema über das ich Bände schreiben könnte.
  3. Die personelle Situation in der Altenpflege ist in jeder Hinsicht unzureichend.  Jedes Bundesland hat einen anderen Personalschlüssel.  Die Heime in Sachsen kalkulieren mit etwa 20 Prozent weniger Personal, wie beispielsweise in BW.  Da hängt wiederum mit der Zahlungskraft der Bewohner zusammen. Während es in Baden-Württemberg verhältnismäßig wenige alte Menschen gibt, die den Privatanteil der Heimkosten nicht aus eigener Tasche zahlen können, muss die Staatskasse in Sachsen in fast 70 % der Fälle einen Teil der Heimkosten übernehmen.  Während der Heimplatz in BW im Schnitt 4000 Euro pro Monat kostet, kostet der Heimplatz in Sachsen um die 2.800 Euro.  Wenn dann das ohnehin viel zu knapp bemessene Personal auch noch ausfällt, weil Mitarbeiter in Quarantäne müssen oder nicht zur Arbeit gehen können, weil die Kitas und Schulen geschlossen haben, wird es für die Bewohner dort lebensgefährlich.  Mehr dazu finden Sie in den pflegeethischen-Leitlinien, siehe Quarantäne.
  4. Viele Pflegekräfte die in Sachsen arbeiten kommen wegen der besseren Verdienstmöglichkeiten aus Tschechien und Polen.  Sowohl ungelernte Haushaltshilfen, die für einige Wochen im Haushalt des Pflegebedürftigen leben und  hierdurch dessen Unterbringung im Heim verhindern, als auch ausgebildete Fachkräfte, die zum festen Stammpersonal in Altenheimen, Krankenhäusern oder bei Pflegediensten gehören.  Genaue Zahlen sind nicht bekannt, es wird jedoch geschätzt, dass ihr Anteil bei etwa 30 Prozent liegt.  Da sich die Corona-Lage  in Tschechien und Polen seit Oktober ebenfalls verschärft hat und das Pendeln erschwert wurde, dürfte ein Großteil dieser Pflegekräfte im eigenen Land bleiben.
  5. Etliche Pflegeheime in Sachsen (den neuen Bundesländern) befinden sich baulich und organisatorisch  noch auf einem Niveau von vor der Wende.  Mehrbettzimmer, mit nur Waschecke.  Bäder, Duschen und Toiletten  müssen von allen Bewohnern eines Bereichs benutzt werden. Dies erschwert nicht nur die Körperhygiene, sondern stellt eine zusätzliche Infektionsquelle dar.

Soweit meine Einschätzung, die ich u.a. durch Kontakte und Mitglieder aus Sachsen habe, die entweder als Angehörige oder Pflegekräfte mit den dortigen Verhältnissen konfrontiert waren/sind.  Wenn ich in diesem Land etwas zu sagen hätte, würde ich ein paar  Leute damit beauftragen, die genaueren Hintergründe zu ermitteln.  Denn einfach nur zu sagen, man muss die Alten schützen, ohne die Gefahren im Einzelnen zu kennen denen diese ausgesetzt sind, schützt sie eben gerade nicht.   Ich würde ferner verlangen, dass bestimmte Daten in jedem einzelnen „Corona-Fall“ systematisch erhoben und ausgewertet  werden: Alter, Lebenssituation, Versorgungssituation, Vorerkrankungen, aktuelle Symptome  (die auf eine Infektion schließen lassen), Diagnostik, Behandlung, Pflege etc.   Aktuell können eigentlich alle nur spekulieren und mutmaßen.

Adelheid von Stösser,  15.01.2021 


Die Meldungen von den überfüllten Krematorien in denen in drei Schichten Tote eingeächert würden, konnte einer Überprüfung nicht standhalten. Hier stellt sich die Frage, wer ein Interesse daran haben kann, die Lage dramatischer erscheinen zu lassen. Vermutlich sollen diese Bilder die Impfbereitschaft der Bürger erhöhen.  Überlastete Beerdigungsinstitute offenbar erfunden.
https://wsz-online.blogspot.com/2021/01/uberbelastung-im-krematorium-auch-3.html

Außerdem werden scheinbar alle die aktuell in Heimen sterben als Corona-Tote registriert, wie ein Mitarbeiter in diesem Youtube erklärt: https://www.facebook.com/groups/297035005056146/?multi_permalinks=412571853502460

1 Kommentar

  1. Ein guter Beitrag, der die sozialen Probleme mit aufgreift. Ist es aber nicht gerade die Pflicht des Bundes für einen sozialen Ausgleich in den Bundesländern zu sorgen. Wird hier eine Landesregierung im Regen stehen gelassen oder ist es ein Problem der „Ostländer“ allgemein. Ein Vergleich mit Thüringen, Sachsen-Anhalt zeigt es vielleicht auf oder ist es ein Problem der Einrichtungsträger. Was nutzen gute Konzepte auf dem Papier, wenn die Motivation der Mitarbeiter nicht gestärkt wird und die Vorgaben nicht umgesetzt werden können.

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