Das deutsche Pflegesystem nutzt Angehörige aus!

Gut 70 Prozent der Pflegebedürftigen werden hierzulande von einem Angehörigen zu Hause gepflegt.  In den meisten Fällen sind es Ehepartner, Töchter, Schwiegertöchter oder (vereinzelt) Söhne, die  ihr Leben in den Dienst eines kranken Familienmitglieds stellen – über Monate und Jahre.  Oft bis zur völligen Isolation, Erschöpfung und Verarmung. Nicht selten wird die Gutgläubigkeit und Opferbereitschaft naher Angehöriger  von Fachleuten und Dienstleistern ausgenutzt, die sich darauf spezialisiert haben, Geschäfte mit der Not Betroffener zu machen.

Unter dem Titel:  Im toten Winkel  greift ein Tatort kriminelle Machenschaften im Bereich der häuslichen Pflege auf.  In gezeigtem Falle ist es ein Gutachter des MDK, der sich von einem Pflegedienst hat korrumpieren lassen, mit tötlichem Ausgang für ein betroffenes Ehepaar und ihn selbst.   In einem weiteren Fall werden die Betrügereien in der ambulanten Intensivpflege beispielhaft gezeigt.  Welche Ausmaße  Korruption und Betrug im Bereich der ambulanten Pflege inzwischen haben, können Sie diesem Beitrag im BR vom 27. März 2018 entnehmen: Das Geschäft mit der ambulanten Intensivpflege. In  Bayern ermittelt die Staatsanwaltschaft  derzeit gegen jeden fünften Pflegedienst.

Das deutsche Pflegesystem setzt  auf den unentgeltlichen Liebesdienst von Angehörigen. 
Dieser Liebesdienst wurde bereits bei Einführung der Pflegeversicherung in der Größenordnung um die 70 Prozent einkalkuliert.  Die übrigen 30 Prozent der Pflegebedürfigen, bei denen die häusliche Pflege durch Angehörige und Dienste nicht sicher gestellt werden kann, müssen – ob sie wollen oder nicht – ins Heim.

Mit unseren Beiträgen zur Pflegeversicherung werden vor allem Heimbetreiber begünstigt und die stationäre Pflege ermöglicht. Fast  80 Prozent  der Ausgaben dieser Versichung fließen in  stationäre Pflege.  Mit dem Ergebnis, dass seit Einführung der Pflegeversicherung Heime wie Pilze aus dem Boden sprießen und nach wie vor auf dem Pflegemarkt Goldgräberstimmung herrscht.  Kein Wunder, dass Pflegeheime in Deutschland von Investoren als  sichere Bank bewertet werden, wie es in diesem sehr interessanten Bericht der Süddeutschen am Wochenende zu lesen war.  Hier ein Zitat:

Ambulant vor stationär, so lautet der Leitspruch der deutschen Politik. Klingt erst mal gut. Wer möchte nicht zu Hause alt werden? Bei genauerem Hinsehen jedoch verbirgt sich dahinter eine gigantische Sparmaßnahme des Staates, der so Verantwortung und Kosten auf die Frauen abwälzt – sie übernehmen 90 Prozent der Pflege zu Hause. Und auf die Wirtschaft. Denn die Privatisierung der Pflege war vor 23 Jahren eine sehr bewusste Entscheidung der Politik.

In keinem anderen Land ist die Gefahr so groß, die letzten Lebensmonate in einem Heim verbringen zu müssen. Während unsere Nachbarn den Angehörigen unter die Arme greifen und die häuslichen Hilfen ausbauen, damit das Pflegeheim tatsächlich die Ultima Ratio bleibt,  subventioniert Deutschland den weiteren Ausbau von Heimplätzen.  Bis 2030 rechnet die Branche mit einem Umsatz von 84 Millarden.  Dabei weis doch jeder um die Schwierigkeit das nötige Pflegepersonal zu finden. Aber das scheint die Branche nicht zu kümmern.  Vielmehr rechnet sie damit, dass die Gesetze der Situation angepasst werden.  Der Vorsitzende des Gesundheitsausschusses im Bundestag,  hat bereits angekündigt,   die  Fachkraftquote  senken zu wollen.   Zweifelsohne verstehen es die Nutznießer am deutschen System  mit der Politik gemeinsame Sache zu machen. Sie sind  es die unseren Abgeordneten einreden, dass  ambulante  Versorgungsstrukturen wie in Skandinavien oder den Niederlanden hierzulande nicht funktionieren.  Die bisherigen Gesundheitsminister haben sich allesamt vor den Karren der Heimbetreiberverände spannen lassen.

„Nach Recherchen der Süddeutschen Zeitung sind Pflegeheime auch für solche Investoren interessant, die ihr Vermögen gerne am Finanzamt vorbeischleusen……

Ausführlich beschreibt der Kanzleipartner seinem Kunden die Vorzüge des deutschen Gesundheitssystems: Staat und Kassen zahlten verlässlich, und die Heimbetreiber kümmerten sich eigenständig darum, über Ärzte und Krankenhäuser neue, zahlende Bewohner anzulocken.“

Angehörige sind individuell betroffen und auf sich gestellt.  Abgesehen von einpaar wenigen, die sich organisieren, haben diese  weder die Zeit noch das Wissen noch  die Kraft für bessere Bedingungen zu kämpfen.  Wie am Beispiel des alten Ehemannes und der Tochter aus dem Tatort gezeigt, dürfte  es vielen Angehörigen ergehen, die sich nichts anderes wünschen, als dass die Unerträglichkeit  endlich aufhört.  Über die Hin- und Hergerissenheit von Angehörigen könnte auch ich Bände schreiben.  Wer die Beherrschung verliert, muss damit rechnen, dass das Betreuungsgericht eingeschaltet und der zu Pflegende  in „Sicherungsverwahrung“ genommen wird.  Auch dies eine unrühmliche Auswirkung des deutschen Pflegesystems, in dem nicht zuletzt die Gerichte eine gewichtige Rolle spielen.

Betroffene, die es sich finanziell und räumlich leisten können, suchen Unterstützung auf dem Markt der sog. 24-Stunden-Pflege beziehungsweise bei einer der zahllosen Agenturen, die Helfer*innen aus Osteuropa und anderen Billiglohnländern vermitteln.  Auch bei dieser Suche sind Betroffene und Angehörige völlig auf sich gestellt. Weder von den Kassen noch den Kommunen können sie hier eine Beratung oder gar finanzielle Unterstützung erwarten.  Dem Staat ist bekannt, dass schätzungsweise 200.000 Hilfskräfte aus Billiglohnländern ohne Papiere in deutschen Haushalten tätig sind.  In Ermangelung von Alternativen wird stillschweigend darüber hinweggesehen.  Mehr dazu siehe Ratgeber 24-Stunden-Pflege

Angehörige stellen den größten Pflegedienst der Nation.
Sie helfen, weil sie sich verbunden fühlen oder der familiären Tradition verpflichtet.  In der Familie, der Keimzelle der Gesellschaft, steht von der Wiege bis zur Bahre jeder für den anderen ein.  Eine Tradition die sich weltweit über die gesamte Menschheitsgeschichte bewährt hat und die es zu wahren und zu schützen gilt.  Diese Keimzelle der Gesellschaft ist jedoch bedroht,  manche  sprechen stattdessen von der Familie im Wandel.  Innerhalb von nur zwei Generationen sind die  Großfamilien aus unserem Kulturkreis nahezu verschwunden.  Junge Ehepaare leben für sich, oft weit weg von den Eltern und müssen versuchen  Kindern und Beruf gleichermaßen gerecht zu werden. Noch zu meiner Kindheit waren es die Großeltern, die sich mit den Nachkommen beschäftigten, während Vater und Mutter den Lebensunterhalt sicherten.  Heute braucht es dazu Kitas und Kindergärten.   Hinzu kommt, dass Konflikte in der Ehe häufig vor dem Scheidungsrichter enden.  Während in gesunden Großfamilien den Ältesten zukam, Streit zu schlichten und Lösungen zu suchen, werden heute zumeist Familiengerichte angerufen.  Nicht selten verschärft sich hierdurch die Uneinigkeit unter den Angehörigen.  Insbesondere dann, wenn das Familiengericht ohne genauere Prüfung der  Hintergründe – einseitig  Partei ergreift, wie wir das regelmäßig im Zusammenhang mit Pflege erfahren.   In fast allen Fällen, die an uns herangetragen wurden, spielte das Gericht eine ungute Rolle.  Ansatt den Streit zu schlichten, wurden Entscheidungen getroffen, die die Familie spalteten.  Indem beispielsweise ungeprüft den Angaben desjenigen geglaubt wurde, der sich ans Gericht wandte, weil er verhindern wollte, dass sich die Schwester (oder Bruder) um die pflegebedürftige Mutter kümmert.  Bevor diese realisierte was hier gespielt wird, hatte das Gericht einen Fremdbetreuer eingesetzt, der sich im weiteren wie ein Vormund verhält und die Pflegebedürftige meint vor der Ausbeutung durch seine Tochter (oder Sohn) schützen zu müssen.  Nicht selten erleben wir, dass pflegenden Angehörigen pauschal unterstellt wird, sie würden das ja nur mit Blick auf das Erbe tun.   Sind keine Vermögenswerte vorhanden, wird Angehörigen unterstellt, hauptsächlich am Pflegegeld interessiert zu sein.

In Deutschland lässt sich aktuell folgende widersinnige Haltung feststellen:  Auf der einen Seite setzt der Staat darauf, dass die Pflege  von den nächsten Angehörigen als Liebesdienst unentgeltlich  übernommen wird, auf der anderen Seite jedoch wurde  die Rechtsstellung der Angehörigen  sukzessive geschwächt, nicht zuletzt durch das Betreuungsgesetz (§1896 BGB ff).  Waren Ehepartner vormals  im Falle von Krankheit und Pflegebedürftigkeit automatisch vertretungsberechtigt, müssen sie diese Berechtigung heute durch eine Vorsorgevollmacht nachweisen.  Auch als Mutter, Tochter oder Schwester eines pflegebedürftig gewordenen volljährigen Angehörigen, muss ich eine von diesem ausgestellte Vollmacht vorlegen, um in dessen Namen tätig werden zu dürfen.  Ärzte und Pflegekräfte dürfen streng genommen Angehörigen nur dann informieren und zu Rate ziehen, wenn diese eine Vollmacht vorweisen oder vom Gericht als Betreuer bestellt wurden.  Zu meiner aktiven Zeit als Krankenschwester war es hingegen selbstverständlich alle Verwandten und auch Freunde einzubeziehen, die sich sorgten und regelmäßig zu Besuch kamen.  Beispielsweise kann ich mich an eine türkische Patientin erinnern, die eine Übersetzerin brauchte. Zum Gespräch mit dem Arzt erschienen neben dem Ehemann, 8 weitere Angehörige, die alle mitreden wollten  und einbezogen wurden.

Das deutsche Pflege- und Betreuungssystem ist familienfeindlich.
Ein sicherlich gut gemeintes Fürsorgesystem, dessen negative Auswirkungen jedoch nicht bedacht wurden.   So können wir heute von Nationen lernen, die andere Wege gegangen sind.  Insbesondere von Skandinavien und den Niederlanden.  In diesen Ländern sieht es der Staat als seine Pflicht an, dafür zu sorgen, dass jeder in seinem Zuhause  die Hilfe und Pflege erhält, die er benötigt, damit er nicht in ein Heim muss.  In diesen Ländern wird von Angehörigen nicht erwartet, ihren Beruf aufzugeben um die Pflege der alten Eltern zu übernehmen.  Dort wird eine hochbetagte Ehefrau  nicht alleine gelassen, mit der Sorge um den pflegebedürftigen Mann, oder umgedreht.  Im oben erwähnten Tatort, wird ein Fall geschildert, den es nur in Deutschland so geben kann.  Mit den unsinnigen Pflegegraden und einem komplizierten Antrags- und Hilfesystem, dass sich nicht am tatsächlichen Bedarf der Bedürftigen orientiert.

In besagten Nachbarländern werden Angehörige einbezogen und gemeinsam mit diesen nach Lösungen gesucht. In Deutschland sehen sich  Angehörige hingegen als lästige Bittsteller behandelt, denen es nur ums Geld geht. Wir haben ein System, das Angehörige nötigt, einem Pflegebedürftigen möglichst viele Unfähigkeiten zu beschneinigen, um einen höheren Pflegegrad zu erhalten.  Selbst Anträge auf Pflegebetten, Rollstühle und andere Hilfsmittel, werden hierzulande oft zurückgewiesen, je nachdem bei welcher Kasse der Betreffende krankenversichert ist.   Nicht selten müssen Betroffene/Angehörige den Hausarzt wechseln, in der Hoffnung ein anderer würde die Beantragung von Krankengymnastik, Logopädie oder weiteren Rehamaßnahmen unterstützen.  Außerdem sorgt das deutsche Fallpauschalsystem dafür, dass die wachsende Zahl der Pflegeheime ausgelastet bleibt.   Wer sich als alter Mensch beispielsweise ein neues  Hüftgelenk einsetzen lässt, aber in den wenigen Tagen, die von der Fallpauschale abgedeckt werden, noch nicht entlassungsfähig ist, muss damit rechnen in die Kurzzeitpflege eines Heimes abgeschoben zu werden.  Da dort die notwendige Reha nicht stattfindet, weil dies auch personell nicht vorgesehen ist, kommen die so abgeschobenen- trotz neuer Hüfte – selten wieder auf die Beine.  Ohne einen Angehörigen, der regelmäßig mit ihnen übt und sich dahinter klemmt, dass Physiotherapie stattfindet, haben sie kaum eine Chance ihre frühere Selbstständigkeit wieder zu erlangen.  Das Entlassmanagement von Kliniken und Krankenhäusern besteht bei über 80 jährigen Patienten häufig einzig und alleine darin, den Betreffenden bei der Aufnahme bereits eine Liste mit Adressen von Pflegeheimen  auszuhändigen.
Zeigt der Patienten postoperativ Anzeichen von Demenz, wird außerdem über seinen Kopf hinweg entschieden.  Angehörige die keine Vorsorgevollmacht vorlegen können, haben gar nichts zu melden.  Und auch solche mit Vorsorgevollmacht, fühlen sich oft machtlos und unter Druck gesetzt.  Was sollen sie tun, wenn der Arzt erklärt, den Patienten entlassen zu müssen, bevor die Versorgung zu Hause gewährleistet werden kann.   Reagiert der bevollmächtigte Angehörige in solch einer Situation überfordert oder verweigert er etwa seine Zustimmung in eine vom Arzt vorgesehe Therapie, muss er damit rechnen, dass sich der Arzt ans Betreuungsgericht wendet und  die Eignung dieses Angehörigen in Frage stellt.  Dann kommt ein/e  Betreuungsrichter*in vorbei, berät sich kurz mit dem Arzt und beschließt in aller Regel, dass ein Frembetreuer eingesetzt wird, wobei die Begründung des Arztes ausschlaggebend ist, ganz gleich was Patient oder Angehörige, wenn diese überhaupt gefragt werden, einzuwenden haben.  Den wenigsten ist bekannt, dass auf diese Weise, jede Vorsorgevollmacht im Null-Komma-Nix ausgehebelt werden kann.  Kliniken, Krankenhäuser und Pflegeheime arbeiten meist Hand in Hand mit dem zuständigen Personen am Betreuungsgericht und Behörden, was sich auch daran erkennen lässt, dass so gut wie jeder Antrag auf freiheitsentziehende Maßnahmen genehmigt wird.  Die massenhaften Fixierungen, systematische Ruhigstellung und Unterbringung in Heimen gegen den Willen des Betroffenen, kann nur deshalb praktiziert werden, weil Gerichte den Angaben von Fachleuten glauben und sich selten die Mühe machen, den tatsächlichen Sachverhalt zu prüfen.

Dass es auch anders geht, zeigt die ZDF Sendung plan b vom 24.03.2018: Zuhause alt werden.

In diese Richtung zielt auch mein Entwurf eines Gemeindepflege-Konzept  von 2010.

Interessant an dieser Stelle ist außerdem der Beitrag  Vorbild Skandinavien: Ein Vergleich zum deutschen Pflegesystem,  auf demenzrisiko.de

 

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