Vorsitzender des Gesundheitsausschuss bringt das Pflege-Fass zum überlaufen

Mit seinem ersten Tweet als neugewählter Vorsitzender des Gesundheitsausschuss, bringt Erwin Rüddel die Pflegezunft in Aufruhr.  Dabei hat er es doch nur gut gemeint, mit seinem Appell an die Pflegekräfte den Beruf positiv darzustellen.  Kaum war diese Meldung im Netz setzte sich eine Lawine der Entrüstung in Bewegung, die selbst mich überrascht. Zumal bisher allgemein bedauert werden musste, dass die große Masse der Pflegenden scheinbar mit nichts dazu gebracht werden kann, endlich einmal aufzubegehren.

Vorausgegangen war  die von der  Groko als Verhandlungserfolg verkündeten  8.000 weiteren Pflegekräfte, die die Regierung zur Verfügung stellen will, ohne jedoch erklären zu können, wie sich diese herbeizaubern lassen. Zudem eine aus der Luft gegriffene Zahl, die, umgerechnet auf die Anzahl deutscher Pflegeheime, bestenfalls ein halbe Stelle zusätzlich bringen würde. Hinter diesem Zugeständnis steht die Haltung: „Seht her wir tuen auch etwas für die Pflege.“  Oder einfach nur pure Planlosigkeit und Überforderung, was natürlich keine zugeben würde.  Auf unseren Aufruf vor der Bundestagswahl in 2017, verwies Herr Rüddel auf die jüngsten Reformen, die jedoch aus unserer Sicht bestenfalls einzelne Symptome kurzfristig abmildern.

Wie wohl die allermeisten Politiker sieht Erwin Rüddel das Problem im schlechten Image der Pflege begründet.  Schuld daran sind  Kritiker wie wir, sowie Journalisten die  „Einzelfälle“ skandalisieren, Angst verbreiten und die Pflege in Deutschland schlecht reden würden.   Claus Fussek kann ein Lied von diesem Vorwurf singen. Auch mir wird seitens Politik und Lobbyisten vorgehalten, mit den Berichten und Initiativen  unseres Vereins, dem Ansehen der Pflege zu schaden.

Seit Jahr und Tag setzt die Politik auf Imagekampagnen. Darauf, die schönen Seiten der Pflegearbeit hervorheben und alles Unschöne zu vertuschen.  Ein wunderbares Beispiel für  diese Schönfärberei sind die Pflegenoten.  Besser als „sehr gut“ geht es nicht.  Heime dürfen das Blaue vom Himmel versprechen, auch wenn sie genau wissen, dass das Personal nicht einmal für das Nötigste reicht.  Eine Nachtwache für im Schnitt 50 Pflegebedürftige: An dieser verantwortungslosen Personalbesetzung halten Heimbetreiber wie Politiker unverdrossen fest.  Auch Erwin Rüddel, der vor seiner politischen Laufbahn Geschäftsführer einer Seniorenresidenz war, hält sich bis heute auffallend zurück, wenn es um die Anhebung der Personalschlüssel geht.  Stattdessen plädiert er für die Senkung der Fachkraftquote.  Und dies mit mit Argumenten wie: Da es Heimen in Zukunft immer weniger  gelingen wird, zu  50%  Fachleute einzustellen, weil diese heute schon nicht mehr zur Verfügung stehen, müsse die Politik den Heimbetreibern entgegenkommen.  Über so einen  Mann an der Spitze des Gesundheitsausschusses können sich im Grunde nur die Heimbetreiber freuen.  In dessen Lage kann er sich versetzen.  Wie die Pflegenden die Situation erleben, dass erfährt Rüddel hingegen erstmals seit dem 5. Februar, als er mit seinem Aufruf,  die Realität postiv darzustellen, eine in der Pflege bisher nicht gekannte Empörung auslöst.

Der Bann des Schweigens scheint bei den beruflich Pflegenden gebrochen. Was haben sie denn auch  zu verlieren? Unter den heutigen Bedingungen, wie man sie wohl in den allermeisten Einrichtungen findet, ist eine menschengerechte Pflege beim besten Willen nicht zu leisten.  Wir reden hier nicht nur von den fehlenen Köpfen oder Händen. Vor allem muss sich die Haltung ändern; angefangen bei denen, die sich und anderen etwas vorzumachen versuchen.

Unter dem Hashtag #twitternwierueddel  finden Sie tausende Schilderungen von Pflegekräften, die bezeugen, wie es wirklich in unseren teuren Krankenhäusern und Heimen zugeht.  Wie eine Eiterblase, die sich über die  schöngeredete Pflegewelt ergießt und den Ernst der Lage zeigt.  Der Pflege-Kollaps steht nicht bevor, wir stecken längst mitten drin!  Wer es immer noch zu beschönigen versucht, sollte die Twitter Beiträge lesen.

Ein erster Schritt Richtung Heilung, wäre die Einsicht in den Ernst der Lage,  verbunden mit der Erkenntnis, dass wir einen insgesamt anderen Ansatz im Gesundheitssystem brauchen.  Denn so wie es jetzt läuft wird Pflegebedürftigkeit erzeugt, anstatt sie zu verhindern.  Immer mehr  Alte, Schwache  und Sterbende werden gegen ihren Willen in Heimen festgehalten, ruhiggestellt und in ihrer höchsten Not, in ihren letzten Stunden im Stich  gelassen. Angehörige werden arm und krank über die Pflege.  Personal wird verschlissen.u.v.a.m…

Leider steht jedoch eher zu erwarten, dass die Politik im ersten Schritt eine weitere Studie in Auftrag gibt um so Zeit zu gewinnen.   Die Wahl von Herrn Rüddel in das Amt des Vorsitzenden gleicht der Wahl eines „weiter wie bisher“.

1 Kommentar

  1. Es ist einfach mehr als nur enttäuschend, dass sich Herr E. Rüddel anscheinend auch für eine Schönfärberei der Pflege hergibt. Das „Totschweigen“ von Missständen hat noch niemals die eigentlichen Probleme gelöst, sondern sie verschlimmert.
    Die Zuständigen haben wohl nicht mal die Größe, dem eigenen Versagen ins Gesicht zu blicken . Der schlechte Ruf der Pflege wurde ja schließlich nicht frei erfunden, sondern beruht auf knallharten Tatsachen ! Jeder, der das Gegenteil behauptet, sollte sich 1 Woche lang an Seite der Pflegekräfte die Probleme „live“ aus der Nöhe ansehen, das wäre sicher sehr heilsam !
    Liebe Verantwortlichen, hört bitte endlich mit der Schönfärberei und den verzerrten Darstellungen auf !

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