Pflegekammer erweckt falsche Hoffnung

Angesichts der drängenden Probleme in der Pflege, sehen verschiedene  Berufsverbände und Politiker das Heil in einer  Pflegekammer.  Dabei gilt es jedoch zu bedenken, dass Pflege kein Beruf, sondern eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist und bleiben muss.  Eine Pflegekammer, die in der üblichen Form des Kammerwesens als Berufsstandsvertretung angelegt würde, schwächt die ohnehin schwache Position der Angehörigen, die bisher den größten Teil der Pflege schultern.

Pflege braucht ein Haus, in dem alle beteiligte Raum finden, indem sich alle gemeinsam um die Gewährleistung menschenwürdiger Pflege bemühen, ganz gleich wo und von wem diese erbracht wird.

Da sich unter den aktiven Mitgliedern des Pflege-SHV auch einzelne befinden, die sich sehr für die Einrichtung einer Pflegekammer einsetzen,  stand  die Frage nach dem möglichen Nutzen im Vordergrund unserer internen Debatte.

Mit einer Pflegekammer verbinden viele die Vorstellung einer  unabhängigen, politisch einflussreichen Dachorganisation, die den Pflegeberufen ein besseres Ansehen und mehr Durchsetzungskraft verleiht.   Fördervereine und Initiativgruppen zur Schaffung von Pflegekammern sowie der „Deutsche Pflegerat e.V.“  sehen in der  Einrichtung einer Pflegekammer geradezu ein Allheilmittel.

Zusammengefasst erhofft man sich folgendes:

  1. Mehr Selbstbestimmung für die Pflegeberufe, vor allem gegenüber Ärzten und anderen Heilberufen, die ihre Interessen in der Regel besser durchsetzen können, weil sie zentral organisiert sind.  Man verspricht sich durch die Erhöhung des Stellenwertes der Pflegeberufe einen größeren Zulauf.
  2. Eigenständigkeit bei der Entwicklung einer Berufsordnung: Regelung der Aus-, Fort- und Weiterbildung, Abnahme des Pflegeexamens u.a.
  3. Verbesserung der Qualität in der Pflege.  Indem z.B. die Zugangsvoraussetzungen und das Ausbildungsniveau angehoben werden (Akademisierung), Regelmäßige Fortbildungen für alle Pflegekräfte vorgeschrieben, Qualitätskontrollen durchgeführt, sowie Disziplinarverfahren bei Verstößen von Berufsangehörigen gegen Mindeststandards verhängt werden können.

Kann die Pflegekammer überhaupt halten, was ihre Unterstützer versprechen?

Das Land Niedersachsen hat ein Rechtsgutachten zur Überprüfung der Zulässigkeit und möglichen Kompetenzen einer Pflegekammer erstellen lassen. Das Ergebnis dieses Gutachtens, im August 2012 vorgelegt, führte zu einer abschlägigen Entscheidung, zumindest in Niedersachsen. Dabei stellte der Gutachter heraus: Dass eine Pflegekammer auf Landesebene überhaupt keinerlei Kompetenz hat, um in der gedachten Form tätig werden zu können.  Somit sei eine Zwangsmitgliedschaft mit nichts zu rechtfertigen. Politiker anderer Bundesländer,  die vor der Entscheidung stehen, sollten dieses Gutachten lesen.http://www.ms.niedersachsen.de/portal/live.php?navigation_id=31692&article_id=110014&_psmand=17

Fragt man die im Beruf stehenden Fachkräfte, was sie sich von der Pflegekammer versprechen,  reichen deren  Hoffnungen noch weiter in Bereiche, für die keine  Kammer zuständig ist. An erster Stelle erwarten Pflegekräfte Hilfe zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen, insbesondere genügend Personal und Zeit um menschenwürdig pflegen zu können.

Da es den Berufsverbänden die sich für die Pflegekammer stark machen nicht gelungen ist, eine repräsentative Mehrheit der Pflegenden auf freiwilliger Basis zu vereinen, will man diese nun zu ihrem vermeintlichen Glück zwingen.  Alleine dieser Ansatz sollte alle noch Unschlüssigen zurückschrecken.   Ist die Falle der Zwangsmitgliedschaft einmal zugeschnappt, gibt es kaum ein entrinnen. Mehr zu den Erfahrungen von Zwangsmitgliedern anderer Kammern und warum die Pflegekammer ein untaugliches Instrument ist, um die drängenden Problem an der Pflegebasis zu lösen, finden Sie auf der Seite des „Bundesverband für freie Kammern e.V.“  www.bffk.de

Unsere Hauptbedenken gegen die Pflegekammer

Unabhängig davon, dass der Nutzen für die Berufsangehörigen bezweifelt werden muss,  lehnen wir die Einrichtung von Pflegekammern aus den nachfolgenden Gründen ab:

1.  Pflege ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und sollte das auch bleiben.
Pflege wird überwiegend von Angehörigen und Hilfskräften ohne Pflegeexamen erbracht. Angesichts der demographischen Entwicklung werden private Hilfearrangements  in Zukunft eine noch  viel größere Bedeutung erhalten. Da eine Kammer nur die Angelegenheiten der Berufsangehörigen regelt, besteht zudem die Gefahr, dass damit das Miteinander von Laien und Fachleuten in der Pflege noch schwieriger wird, als es ohnehin schon ist.   Maßnahmen, die den Berufsstandesdünkel von examinierten Pflegefachkräften gegenüber Angehörigen und Hilfskräften fördern, sind unbedingt zu  vermeiden. Die Herausforderungen der Pflege kann man nur gemeinsam bewältigen. Eine  Pflegekammer  die die familiär und ehrenamtlich Pflegenden nicht strukturell an prominenter Stelle einbezieht, wird kein einziges Problem lösen sondern zusätzliche schaffen

2. Bezogen auf den Nutzen einer Pflegekammer für die Kranken und Pflegebedürftigen, muss man sich nur einmal die Situation bei den Ärzten anschauen, die über die Ärztekammer seit Jahrzehnten organisiert sind.    Was hat die Ärztekammer bislang zum Wohle der Patienten  erreicht? Durchschnittlich fünf Minuten pro Patient, so kalkulieren die niedergelassenen Ärzte. Mehr Zeit ist nicht drin, wenn sich die Praxis rechnen soll. Und in den Krankenhäusern muss der Patient froh sein, wenn ein  Arzt bei den üblichen Stippvisiten, überhaupt am Bett halt macht. Wer sich nicht spezialisiert, ist der Dumme.  In den ländlichen Bereichen machen immer mehr Praxen zu, usw.. .  Immer, wenn die Ärzte auf die Straße gehen, erreichen diese eine Honorarverbesserung. Aber zu welchem Preis?  Wir erinnern:  Im Anschluss an die letzte Lohnsteigerung die die Klinikärzte durchgedrückt hatten, gingen die Pflegekräfte auf die Straße, weil diese Kostensteigerung  zu Einsparungen beim Pflegepersonal führte.

Unser Empfehlung:

Pflege braucht keine Kammer. Pflege braucht ein Haus in dem alle Belange Platz finden.

Damit das Miteinander in diesem Haus zielführend verlaufen kann, braucht Pflege eine klare Ausrichtung, ein Ziel, dem sich alle Beteiligten verpflichtet fühlen müssen.

Im Vordergrund muss die Gewährleistung menschenwürdiger Pflege stehen, wie sie in der „Charta der Rechte hilfe- und pflegebedürftiger Menschen“ definiert wurde.

5 Kommentare

  1. Die Argumentation gegen die Schaffung einer ‚Pflegekammer‘ ist gut und richtig. Insbesondere unter Berücksichtigung des Rechtsgutachtens zu einer Pflegekammer Niedersachsen.

    Der Normalbürger steigt ohnehin durch die undurchsichtigen Zuständigkleiten nicht mehr durch. So beschäftigt man sich wieder einmal mit ‚Verwaltungswut‘, anstatt die überfällige Verbesserung der Situation im Gesundheits- und Pflegebereich anzugehen.

    Außerdem sehe ich in dem Ansinnen einer Pflegekammer mit Zwangsmitgliedschaft eine weitere ‚Pöstchenschaffung‘ die wieder von jenen finanziert werden soll, die, gemessen an der bekannten Situation, ohnehin dürftig entlohnt werden.

    Früher war die Kammer Bezeichnung für das Schlafzimmer. Heute wird man manchmal bei Inanspruchnahme solcher Institutionen daran erinnert.

  2. Vor etlichen Jahren hatte ich zum Thema 10 ö.b.u.v. Sachverständige an einen Tisch bekommen können. Es ging damals um das Personalbemessungsverfahren PLAISIR, das ja den Regierungen offenbar zu teuer war. Während wir uns dafür eingesetzt haben, das eine vernünftige Messlatte gefunden wird, hat sich die Politik dafür entschieden, die bodenlosen Löcher der Krankenversicherungen zu stopfen. Das war billiger und einfacher.
    Dann gab es doch die Expertenkommission der Professoren (über. 20 hochrangige Uni-Prof. waren es). Wie Raketen schossen sie hoch. Und wie nach Silvester war wieder nichts übrig. Die Bürokraten der Krankenversicherungen haben alles abgeräumt. Ergebnis: „null“.
    Und wer gewährt heute noch einem öffentlich bestellten und vereidigten Sachverständigen Einblick in die Finanzen und Wirtschaftsdaten von Einrichtungen? Mangels Nachfrage gibt es in ganz Deutschland nur noch 6 SV. Eine Sachkompetente Kontrolle und Beratung von Pflegeeinrichtungen ist weder gefordert noch erwünscht. Stattdessen begnügt man sich damit, dass die Heimaufsicht kontrolliert, ob die Klopapierrolle oder anderes vorschriftsmäßig angebracht ist.
    Fritz Halmburger

  3. „Pflege braucht ein Haus, in dem alle beteiligte Raum finden, indem sich alle gemeinsam um die Gewährleistung menschenwürdiger Pflege bemühen, ganz gleich wo und von wem diese erbracht wir“
    Besser hätte ich es nicht ausdrücken können! Toller Beitrag, der den Nagel auf den Kopf trifft. Ich habe mich bei meinen Kollegen gegen eine Pflegekammer ausgesprochen und auch sie teilten meine Meinung.

    LG Jonas

    • Eine Pflegekammer ist überwiegend der Wunsch von Pöstchenreitern und im Pflegebereich total verzichtbar, weil diese Kammer von jenen mit Beiträgen bezahlt werden soll, die ohnehin die Gelackmeierten sind; daran ändert auch eine Pflegekammer nichts.

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