Die Tage des Pflege-TÜV sind gezählt

Nachdem nun endlich auch Jens Spahn, gesundheitspolitischer Sprecher der CDU, öffentlich zugibt, dass die Pflegenoten keine Aussagekraft besitzen, dürfte mit diesem  Irrsinn tatsächlich bald Schluss sein.  Auf allen Kanälen ertönt bereits deren Abgesang.   So zum Beispiel in den Heute Nachrichten vom 04.02.2015: Pflegenoten fallen durch    Karl Lauterbach von der SPD, mag das klägliche Scheitern noch nicht eingestehen, schließlich war er direkt an der Einführung der Pflegenoten beteiligt, 2008/2009 als Ulla Schmidt noch Gesundheitsministerin war. Auch der amtierende Gesundheitsminister Gröhe, will dem ungeeigneten  System noch eine dritte Chance geben und setzt auf Nachbesserung. Solange wird weiterhin viel Geld und Zeit und Pflegefachpersonal für eine widersinnige Maßnahme verschwendet, mit dem Argument: Besser das, als gar nichts zu tun.   Wer so denkt muss blind sein für Tatsachen wie diese:  Heim in Bonn-Dottendorf mit der Pflegenote  sehr gut,  wegen gravierender Mängel geschlossen.   

„Nach Karl-Josef Laumann hat nun auch Jens Spahn den sogenannten Pflege-TÜV als Desaster bezeichnet und eine Abschaffung vorgeschlagen. Das fordern wir seit Jahren. Es war von Anfang an klar, dass der Pflege-TÜV nicht funktionieren kann, wenn die Qualität zur Verhandlungssache gemacht wird. Die Erarbeitung von Qualitätsanforderungen wurde den Kassen und Heimträgern überlassen, ohne Selbsthilfeverbände und Verbraucherschützer von Anfang an einzubeziehen. Das konnte nur in das von Jens Spahn nun endlich auch erkannte Desaster führen: Viel bürokratischer Aufwand für nichts, Verwirrung statt Transparenz.“, kommentiert Elisabeth Scharfenberg, von den Grünen.  Der Pflege-SHV kann dem nur beipflichten und hoffen, dass tatsächlich die richtigen Lehren aus diesem Desaster gezogen werden.   Unsere, schon vor der Einführung beschriebene Einschätzung, sowie weitere Meldungen  finden Sie hier.

In meine Freude, diese Form der  Augenwischerei bald los zu sein, mischt sich die Sorge, dass  das Nachfolgemodell zwar anders aber  im  Endeffekt auf das Gleiche hinauslaufen wird.  Denn solange die  Beteiligten der  Pflegeselbstverwaltung (Leistungsanbieter,  Kassen) Bestimmungshoheit haben, werden diese zu verhindern wissen, dass Außenstehende Einblick in  Zahlen und Abläufe bekommen, die Aufschluss über so manches geben würden.   Wie zum Beispiel die genaue  Anzahl des Personals, welches  ein Heim laut Pflegesatzverhandlung  vorhalten muss.  Müsste es nicht selbstverständlich sein, dass Pflegebedürftige  erfahren, welche Leistungen sie für ihr  Geld erwarten können und welche nicht?  Stattdessen ist es üblich, mit einem rundum Sorglospaket zu werben,  individuelle Betreuung und Pflege die keine Wünsche offen lässt,  zu versprechen.   Nirgends  findet man auf den Internetseiten von Heimen, die Information,  dass  nachts nur eine Pflegekraft für das ganze Haus bzw. für mehr als  50 Bewohner eingesetzt wird.  Weil, dann würde ja sofort jeder Laie stutzig und sich fragen, wie soll denn da jemand individuell betreut werden können.  Nirgends findet man den Hinweis, dass sich Angehörige  selbst um Begleitung für Spaziergänge oder Unternehmungen außerhalb der Einrichtung kümmern müssen.  Hier müsste man Anfangen mit der Transparenz.  Klaren Wein einschenken und aufhören sich und anderen etwas vor zu machen.

Was wäre die Alternative
Hilfreich kann darüber hinaus nur ein Verfahren sein, das die Ergebnisqualität abbildet.  Wer wissen will, wie es sich in einem bestimmten Heim lebt, sollte die fragen und beobachten, die dort Leben und Arbeiten oder regelmäßig zu Besuch kommen.   Allerdings ist längst nicht jeder in der Lage,  sich selbst vorher ein genaues Bild zu machen.  Auch das Probewohnen hat Grenzen.   Und wer einmal in einem Heim eingezogen ist, wo es ihm dann nicht gefällt, bleibt meist trotzdem dort bis zum bitteren Ende, weil er befürchten muss, dass es in anderen Heimen auch nicht besser ist.  Darum  brauchen wir ein Bewertungsverfahren, das die Stärken und Schwächen von Einrichtungen einigermaßen zuverlässig und für jeden zugängig abbildet.  Ich stelle mir dazu  eine Kombination vor, bestehend aus einem Bewertungsportal – wie man sie bei Hotels, Krankenhäusern, Ärzten etc. längst kennt –  und einem Kontroll- und Beratungssystem, welches jedoch komplett unabhängig sein müsste.  Qualitätsprüfung und Heimkontrolle dürfte nicht wie bisher in der Hand von Kassen und Kommunen liegen,  sondern sollte bei einer  unabhängigen  Stelle  angesiedelt sein.  So wie ich mir das Ganze vorstelle, würde man damit außerdem zahlreiche Personalstellen  beim MDK und der kommunalen Heimaufsicht einsparen, da die jährlichen Überprüfungen – die ohnehin selten hilfreich sind – wegfallen könnten.  Stattdessen sollten speziell geschulte Fachleute dieser neu zu schaffenden, unabhängigen  ‚Pflegeaufsichtsbehörde‘,  die Einträge im Bewertungsportal beobachten und bearbeiten.  Negative Bewertungen oder  Berichte, die auf  Mängel hinweisen,  sollten Anlass zur Überprüfung geben.  So lange der Mangel seitens der Einrichtung nicht ausgeräumt ist,  würde dieser sich negativ auf das Gesamtergebnis der Einrichtung auswirken.  Damit wäre zugleich ein wirklicher Anreiz zur raschen Beseitigung von Mängeln gegeben.

Adelheid von Stösser,  St.Katharinen,   den 04. Februar 2015

————————————————————————————————————-

01.April 2015, Pressemeldung – deutsches Ärzteblatt: Neues Konzept soll Pflegenoten ersetzen.

13.Mai 2015, Sendung im Deutschlandfunk:  Neues Bewertungssystem was folgt auf den Pflege-TÜV ?

27.Mai 2015: Der Weg für die Abschaffung der Pflegenoten ist frei.  Parlamentarier stellen sich mehrheitlich hinter  den Pflegebeauftragten Laumann.  Wir sagen DANKE !

22.Juni 2015: SPD stellt sich nun doch quer, mit dem Ergebnis, dass die Pflegenoten bis 2018 bleiben.  Die Vortäuschung einer heilen Pflegewelt soll als noch zweieinhalb Jahre fortgesetzt werden, weil eine vorgegaukelte Transparenz immer noch besser sei als gar keine.

1.Juli 2015, Tagung der BIVA in Frankfurt:  Was kommt nach den Pflegenoten?  – Hier der etwas aus dem Rahmen gefallene Beitrag von Adelheid von Stösser  Referat, Fachtagung BIVA Pflegenoten 

 

3 Kommentare

  1. Wieder einmal gerät die Union in Zugzwang, denn der „Pflege-TÜV“ wird vielerorts diskutiert. Jedoch sind aus Berlin kaum verwertbare Informationen zu bekommen. Die markanteste lautet: Es müssen erst einmal Arbeitskreise gebildet werden… Sind unabhängige Mitglieder zu finden? Falls ja, wie werden sie eingebunden? Fakt ist dass sich die etablierten Organisationen nicht so leicht die Butter vom Brot nehmen lassen. Denn es geht mal wieder um das liebe Geld. Leistungsanbieter als auch „Kontrollorgane“ werden Federn lassen müssen. Die derzeitigen „Bewertungen“ werden immer mehr belächelt.
    Unabhängige Fachleute wären sicherlich sinnvoll. Wer soll aber diese Unabhängigkeit garantieren? Der Herr Spahn sprach letztlich unter anderem von Pflegefachkräften. Aber bitte nicht von einer involvierten Einrichtung!
    Das von Ihnen genannte Verfahren wäre eine gute Grundlage, für eine Planung.
    Nun bin ich auf das zu erwartende Konstrukt gespannt.

  2. Laien können überhaupt nicht realisieren für was die Pflegenoten vergeben werden.
    So wird ein Sommerfest oder ein Ausflug mit Note 1 bewertet, obwohl mehr wie die Hälfte der Bewohner nicht teilnehmen kann. Der Singkreis, wo von 80 Bewohner nur 8 teilnehmen. Die Zeitungsrunde im obersten Stockwerk, für Demente und Rollstuhlfahrer unmöglich. Bei schönen Wetter spazieren gehen. Wie geht dass bei 60 Rollstuhlfahrer(Rollator) und 10 Pfleger?
    Pflege des Garten? ha, ha, Altersdurchschnitt 85 J. Behindert, Dement mit Rollator jähten das Unkraut.
    Die sollten mal lieber die alten Leute auf die Toilette setzen und beim Essen helfen.
    Heben die armen Alten mal die Hand sind sie agressiv. Laufen sie umher und auchmal in ein anderes Zimmer, haben sie Weglauftendenz und sind unruhig. Dafür gibt es Pillen nach Bedarf
    Spätestens um 19 Uhr sind alle im Bett, mit oder ohne? (Psychopharmaka).
    Armes Deutschland

  3. Nun sind wieder einige Zeit vergangen. In der Zwischenzeit hat das BMG einen Vorschlag für den „Pflege-TÜV“ präsentiert. Nachzulesen in dessen Internetseite, unter . Er spricht Bände. Das Bundesministerium für Gesundheit strickt nach wie vor an neuen Programmen und verspricht keine Beitragserhöhungen. Das kann und wird nicht funktionieren. Viele Geringverdiener oder Rentner werden im SGB XII landen. Zumal die Krankenkassen bereits über eine Aufstockung nachdenken. Zeitgleich denkt der Herr Laumann über eine Verschlankung der GKV nach. Die Unabhängige Patientenberatung Deutschland sähe er gern privatisiert und in die Hände der Sanvartis Gmbh gelegt. Jedoch arbeitet sie bereits für den Spitzenverband im Case Management. Sieht so Unabhängigkeit aus? Es bleibt spannend!

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*