„Der liegt doch schon im Sterben“

Diese, von einem Pfleger in den Raum geworfene Bemerkung, hat die Töchter  schließlich veranlasst ihren  Vater aus der Gewalt eines Pflegeheimes in Bremen zu retten.  Zulange schon hatten sie ihn dort Pflegekräften ausgeliefert, die ihm Angst machten und Schmerzen zufügten.  Lesen Sie hier den erschütternden Bericht von Anette Dowideit in der Welt am Sonntag (15.09.2013)

MONITOR -Beitrag vom 30.01.2014:  Tod zweiter Klasse. Sterben im Pflegeheim  Wichtiger, einmaliger Beitrag von Isabel Schayani, Markus Zeidler und Frank Konopatzki über Zweiklassensterben in Deutschland.“

Einen ähnlich erschütternden Fall, könnten ich aktuell aus einem Heim ganz in der Nähe berichten.  Das Foto,  hier ausschnittsweise gezeigt, schickte mir der Sohn der Heimbewohnerin, Frau B. am Sonntag (15.09.2013).
Geschockt von ihrem Anblick schrieb er:  “ Meine Mutter ist nur noch Haut und Haar.  Es war ihr nicht möglich, ohne Hilfe ihre Liegeposition zu verändern.   Ich richtete sie ein wenig auf und wir unterhielten uns . Sie lächelte mich immer an, und sagte mir, dass ich ein guter „Junge“ bin.  Auf dem Tisch standen 3 Mineralwasserflaschen,  2 verschlossen und eine bereits geöfnnet und auch ein wenig Wasser in ihrem Trinkbecher. Ich bereitete ein frisches Glas vor und gab ihr es zu trinken, aber sie machte nur einen winzigen Schuck und vezog dabei das Gesicht.     Erst dachte ich, es schmeckt ihr nicht, und erinnerte sie immer daran, mehr zu trinken. Es folgten mehrere Vesuche, aber an dem Abend hat sie vielleicht 3-4 Esslöffel Wasser zu sich genommen.

Dann sagte sie mir, sie hätte so Schmerzen an den Zähnen und es würde so ziehen !

Ohne Wiederstand, ließ sie sich ihre Zähne anschauen, oder besser der Rest davon.  Braun, verfault und zum Teil bereits abgebrochene Hälse, und dazwischen Essensreste über Essensreste.  Seit 2 Jahren weise ich auf die Zahnpflege hin, aber der Betreuer, meine Schwester und auch das Heim reden sich immer fein heraus.

Meine Mutter wird in diesem Heim verhungern und verdursten !“    

Auch dies  ein  Tatbestand unterlassenen Hilfeleistung.   Dennoch führt der Rechtsweg selten zum Ziel.  Denn bei Menschen über achtzig, besteht allgemein die Tendenz jede Form der Verschlechterung als alters- oder krankheitsbedingt hinzustellen.  Auch wenn es sich, wie in diesen Fällen um mangelnde Fürsorge oder gar grobe Gewalt handelt.  Als die für ihr Alter  rüstige und geistig rege Frau B. vor rund 2 Jahren in dieses Heim kam, zunächst nur als Kurzzeitpflege (Stufe O) geplant,  hatte sie ein intaktes Gebiss mit einer Teilprothese im Frontbereich des Oberkiefers. Diese war nach kurzer Zeit spurlos verschwunden.  Auf die Frage des Sohnes, weshalb die Mutter nicht zum Zahnarzt gebracht wird, erklärte das Personal, sie würde den Mund nicht aufmachen.  Die fehlenden Zähne störten Frau B. sichtlich, weshalb sie beim Sprechen – auch in meinem Beisein – eine Hand vor den Mund hielt.  Wie sich jeder leicht vorstellen kann, ist das Essen hierdurch ebenfalls erschwert.  Die  Zusammenhänge zwischen schmerzhaften Zähnen –  Abmagerung und Austrocknung, sind allgemein bekannt.  Ist der hier beschriebenen Zustand eingetreten, kann ein Zahnarzt  eigentlich nur sämtliche Zähne ziehen, um diesem Menschen  weiterhin quälende Zahnschmerzen zu ersparen. 

 

6 Kommentare

  1. Betr.: Frau B. am Sonntag (15.09.2013).

    Was geschieht denn in diesem Fall? Hier würde ich sofort den MDK, die Heimaufsicht und die Staatsanwaltschaft eingeschaltet haben!!!

    Überlässt man die Frau nun ihren Zahnschmerzen, dem Verhungern, dem Verdursten? Würde mich schon interessieren; allein aus ethischen Gründen!

  2. Da diese Geschichte einen längeren Vorlauf hat, waren MDK und Heimaufsicht mehrfach schon vor Ort. Seitens des Pflege-SHV haben wir jetzt Anzeige bei der Staatsanwaltschaft gegen den Betreuer und die Einrichtung erstattet. Auch eine Veröffentlichung dieses Falles ist vorgesehen.

  3. Danke, danke, Frau von Stösser für Ihre Reaktion u. a. in diesem Fall. Ebenso für die beabsichtigte Veröffentlichung. So muss der Öffentlichkeit jeder beweisbare Fall zur Kenntnis gebracht werden, damit diese ‚dunklen Machenschaften‘ ans Tageslicht kommen, wie ich den Fall meiner Frau detailliert aufgeklärt als ‚Nachlese‘ zum Report ‚Rechtlos und ausgeliefert? Schicksal Demenz‘ veröffentlicht habe. Nochmals großen Dank für ihr Engagement insgesamt!

  4. Die Hoffnung auf den MDK zu setzen ist sinnlos. Diese Behörde hakt nur Protokolle nach den Heimberichten ab, das wars. Selbst wenn ein Bewohner schon verstorben ist und deutliche Hinweise auf Mißstände vorhanden sind, interessieren nur die Protokolle des Heims, ganz gleich ob sie der Wahrheit entsprechen oder nicht. Je genauer man hinschaut, um so mehr stinkt in diesem System !!! Mein Vater kam ausgezehrt und ausgetrocknet im komatösen Zustand im Krankenhaus an und der ärztliche Direktor meint nur: “ wie alt ist ihr Vater, 84 ? Sie wissen schon, dass dann manche Menschen einfach nicht mehr wollen ?“ Zynismus pur. Mein Vater hat immer gern gegessen, nur durch die Risperidondosis war ihm alles egal.

    • Wenn man selbst einen Fall aufgedeckt und zur Anzeige gebracht hat, warten alle Institutionen sehr geduldig ab, wie die Staatsanwaltshaft reagiert. Heimaufsicht beobachtet den Fall mit Interesse, Ärztekammer fragt die Staatsanwaltschaft nach dem Stand des Verfahrens, MDK lässt gar nichts von sich hören, Verband der Ersatzkassen kann nicht eine kürzlich durchgeführte Heimüberprüfung wiederholen, Krankenkasse kann während des Strafermittlungsverfahren keine Begutachtung vornehmen usw. usw.. Als Betroffener und/oder Angehöriger wie auch Betreuer steht man allein auf weiter Flur; warum? Weil das System so funktioniert, wie ich es in meiner ‚Ode an die Sedierung‘ so sehe! Luja soag i!!!

  5. Was mich immer wieder aufs Neue schockt, ist die Tatsache wie lasch mit solchen Situationen umgegangen wird. Einer verlässt sich auf den anderen, alles was noch zusätzlich Arbeit macht wird weggedrängt. Nicht alles lässt sich mit irgendeiner Burnoutstufe erklären, manchmal ist es einfach eine Nachlässigkeit, ein nicht ernst nehmen, z.T. auf Grund schlechter Ausbildung oder mangelndem Einfühlungsvermögen. Und das Schlimme ist, dass Pflegekräfte verdonnert werden hauswirtschlaftliche Tätigkeiten zu erledigen, die noch mehr Zeit wie die Dokumentation beanspruchen… dagegen wehren sie sich aner nicht. Die fachlichen Aufgaben kommen viel zu kurz. Als Lehrerin für Pflegeberufe entdecke ich immer wieder Situationen, die angesprochen werden müssen. Mit einem offenen Blick von außen sieht man bekanntlich mehr…. Manche sind dankbar für die Anregungen, andere tun so als ob – passieren tut nichts. Zähne, Augen, Ohren, Haut, Bewegung, frische Luft, vieles wird vernachlässigt .. und diese vielen kleinen Skandale sind im Grunde ein großer Skandal.

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