Gefangen im Irrgarten des Pflegesystems

Am gestrigen Tag der Pflege  hagelte es Pressemeldungen zum Thema.  Kritik und Forderungen wurden verstärkt, politische Absichtserklärungen ebenfalls. Kaum eine Region, in der keine Veranstaltung stattfand, um auf die sich zuspitzende Lage aufmerksam zu machen. Der Druck auf die Politik wächst. Damit wächst auch die Gefahr, dass diese reagiert, wie sie es seit Jahrzehnten tut, indem sie mehr Geld in das kranke System pumpt und Forderungen bedient,  deren Umsetzung aus unserer Sicht eher zur Verschärfung der Problemlage beitragen.

  • Beruflich Pflegenden beklagen schlechte Arbeitsbedingungen und zu wenig Lohn.
  • Pflegende Angehörige beklagen fehlende, unpassende  oder zu teure Unterstützung.
  • Leistungsanbieter klagen über die Rahmenbedingungen, die ihnen angeblich keinen Spielraum für eine ausreichende Personalausstattung und Bezahlung der Pflegekräfte lassen.

Die Einzigen die nicht  klagen (können) sind die pflegebedürftigen Menschen selbst. Viele fühlen sich nicht nur ausgeliefert, sie sind es.  Solange es von der Gesellschaft hingenommen wird, dass unsere pflegebedürftigen  MitbürgerInnen, medikamentös so eingestellt werden, dass sie möglichst wenig Arbeit machen,  kann es keine Verbesserung geben.   Das Entsetzen ist groß, wenn es gelingt einzelne Fälle an die Öffentlichkeit zu bringen, siehe Filmbeiträge wie:   Enthüllungsendung des Team-WallraffDas Nicht-Wahrhaben wollen ist größer!  Allzugerne lassen sich Bürger einreden, dass solche Bilder bedauerliche Einzelfälle zeigen.

Die Reaktionen namhafter Pflegeanbieter  könnten widersprüchlicher kaum sein.   Unermüdlich beteuern diese, dass die Pflege in ihren Heimen höchsten fachlichen und menschlichen Ansprüchen genüge.   Alles in bester Ordnung, bestätigen außerdem die Pflegenoten.  Gleichzeitig unterstützen Arbeitgeber in der Branche Protestaktionen wie  „Pflege am Boden“.   Leistungsanbieter von Wohlfahrtsverbänden und privaten Anbietern  solidarisieren sich mit den eigenen Mitarbeitern, die mit Transparenten darauf hinweisen,  dass es bereits „5 nach 12“ sei.  In gemeinsamen Erklärungen fordern die selben Personen, die ihren Kunden eine fachlich und menschlich hochwertigen  Pflege versprechen, Rettungspakete für die Pflege ein.    Das ist doch paradox, oder ?

Die Kluft zwischen Theorie und Praxis wächst: Auf der  einen Seite wächst die Zahl der Hochschulstudienplätze in der Pflege, auf der anderen freut man sich über jeden, der unter den Bedingungen überhaupt noch  arbeiten will.   Und je schlimmer die Bedingungen, desto beliebter werden  Arbeitskräfte,  die nicht durchblicken, keine Fragen stellen,  sondern einfach nur  froh sind, dass sie überhaupt eine Arbeit haben.

Da kann man nur hoffen, dass bald jemand ans Ruder kommt, der sich das Ziel setzt, einen Ausweg aus diesem Irrgarten zu finden.

 

3 Kommentare

  1. Weshalb gibt es so wenig Sendungen und Umfragen, in denen Direkt-Betroffene (Patienten, Heimbewohner oder Angehörige) zu Wort kommen und berichten können?
    Ich glaube, es käme zu unzähligen, abendfüllenden Berichtserstattungen, wodurch das ganze Ausmaß der nicht zu verantwortenden Katastrophe erst richtig und
    deutlich sichtbarer werden würde.
    Das Pflegepersonal in Kliniken und Heimen ist ja an die Schweigepflicht gebunden und Patienten und Angehörige haben noch keine entsprechende Lobby….Noch nicht – aber hoffentlich bald !
    Mit freundlichen Grüßen
    G.G.g

  2. Warum kam es zu diesen „Absichtserklärungen und Forderungen“? Diese Antwort ist schnell gegeben. Denn der Wahlkampf und der Tag der Pflege sind ein Grund, um schnell handeln zu müssen. Bis heute werden diese „Verlautbarungen“ immer leiser. Natürlich ist das „Entsetzen“ groß, wenn bestimmte Sachverhalte an die Öffentlichkeit kommen. Teil der Strategie ist, meines erachtens, das Kleinreden der „Einzelfälle“.
    Wie immer verstehen sich die Lobbyisten als Prügelknaben der Nation. Es ist bereits „Viertel vor Drei“!!
    Ich meine damit die, von Ihnen genannte Kluft, zwischen Theorie und Praxis. Wir brauchen einfach mehr, gut ausgebildetes Pflegepersonal! Das wird es vermutlich nicht geben, sollten denn mögliche finanzielle Töpfe geöffnet werden, wird die „Basis“ davon kaum etwas sehen.
    Also sind die Bewohner und die Pflegekräfte wieder einmal die Betrogenen. Dies wird sich unweigerlich auf die Pflegequalität auswirken.
    Sind politsche Alternativen vorhanden?

  3. Da die „Wahlzeremonien“ und der Tag der Pflege anstanden, war es an der Zeit,
    „Absichtserklärungen“ der Politik zu publizieren. Nun sind wenige Tage vergangen. Die Politik wird immer leiser. So war es nur verständlich, dass die „Politik“ auf die entsprechenden Publikationen reagieren musste. Ist wirklich etwas geschehen? Nein! Im Klartext: Das „Entsetzen“ ist nur vorgeschoben, denn die Details sind längst bekannt!
    Natürlich ist das „Nicht wahrhaben Wollen“ der Pflegeanbieter auch längst, bekannt. „Bedauerliche Einzelfälle“ giebt es nicht. Es geht um Tantiemen, die dem Ambieter verlohren gehen.
    Somit wird, nach dem heutigen Stand, die Zahl der Fachkräfte sinken. Wer ist dann die Betroffenen? Bei den Betroffenen wird jedenfalls kein Geld aus der Politk landen, denn es wird vermutlich auf der verkehrten Seite in der Bilanz gebucht.
    Was ist von Nöten? Ein neutraler Steuermann, möglichst ohne Parteibuch!!!

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